Rehwild im September – Auf zum Frisör …

1809

Das Jahr ist in einen neuen Abschnitt getreten und mit ihm die Rehe. Die Nächte wurden kühl, am Morgen liegt lange der Nebel über der Landschaft. Zeit für „Winterklamotten“, auch bei den Rehen. Spätestens in der zweiten Septemberwoche beginnen sie mit dem Haarwechsel. Bruno Hespeler

Der Haarwechsel beginnt am Haupt und zieht sich von dort nach hinten und unten. Das ist keineswegs bei allen Wildarten so. Füchse beispielsweise wechseln von unten nach oben und von hinten nach vorne. Doch genau genommen wechseln Füchse jetzt im Herbst ihr Haar überhaupt nicht, sie verdichten und verlängern es nur. Rehe hingegen bilden das ganze Jahr hindurch neues Haar, zumindest dann, wenn sie, warum auch immer, altes Haar verlieren. Rasieren wir im Sommer ein Reh, wachsen sofort neue Haare. Beim Damwild beispielsweise ist das nicht der Fall.

Foto: Alexander Ahrenhold

Seine Haut bleibt bis zum nächsten Haarwechsel kahl. Nun ist es ja nicht gerade „üblich“, dass Jäger Wildtiere rasieren; da interessiert uns viel mehr die Frage, was den Haarwechsel beim Rehwild oder überhaupt beim Haarwild auslöst? Der Schluss liegt nahe, dass es die sinkenden Temperaturen sind. Allerdings sind die Nächte in Hochlagen auch im Hochsommer oft beträchtlich kälter als im Flachland. Trotzdem verzichten die Rehe selbst oberhalb der Waldgrenze nicht auf ihre kurzhaarige rote Sommerdecke. Auch kann der Temperaturverlauf von Jahr zu Jahr erheblich schwanken. Nein, es ist – im Frühjahr wie im Herbst – die Tageslicht länge, die den Haarwechsel beziehungsweise das Wachstum von Winter- oder Sommerhaar auslöst. Wenn dem so ist, dann müssten Rehe, die entsprechend künstlich belichtet oder verdunkelt werden oder die man auf die Südhalbkugel der Erde verpflanzt, ihren „Haarrhythmus“umstellen. Und genau das tun sie auch. In den 90er-Jahren wurden Rehe aus Niederösterreich und Ungarn zur Einbürgerung nach Chile verbracht. Dabei befanden sie sich gerade im Wechsel ins Sommerhaar. Innerhalb von zwei Wochen hatten sie ihren gesamten Rhythmus umgestellt und wechselten zurück ins Winterhaar.Den Jäger freilich interessiert viel mehr, welche Rückschlüsse der Haarwechsel auf Alter und Gesundheitszustand der Rehe zulässt. Noch immer lernen viele Jungjäger, dass junge Rehe vor alten Rehen färben. Aber genau das stimmt so nicht. An dieser Stelle sei nur an die vielen Jährlinge erinnert, die im Juni noch Winterhaar auf den dürren Rippen haben, während erwachsene Rehe bereits rot sind! Richtig ist hingegen, dass die meisten gesunden und gut konditionierten Jährlinge vor den mehrjährigen Rehen färben. Aber es gibt keine altersbedingten Unterschiede im Färbedatum bei den mehrjährigen Rehen. Natürlich gibt es ältere Rehe, die später färben als die meisten ihrer Altersgenossen. Das ist dann ein Hinweis, dass diese Rehe irgendein körperliches Problemhaben (z.B. Parasiten) oder dass sie eine besonders hohe Leistung erbringen mussten (z.B. mehrereKitze führen). Angenommen, eine Geiß setzt zwei Kitze und säugt diese den Sommer hindurch, dann kostet sie das eine Menge Energie, und ihre im September vorhandenen Reserven sind gering. Angenommen, sie verliert diese beiden Kitze schon bald nach dem Setzen, dann bleibt ihr nicht nurmehr Zeit zur Nahrungsaufnahme (weil die ständige Aufsicht und Sorge für die Kitze entfällt), sie kann die aufgenommene Energie auch ansparen. Sie wird im September frühzeitig und schnell färben. In der Natur stirbt die Mehrzahl der Rehe relativ jung. Aber einzelne Rehe erreichen auch ein beträchtliches Alter, und sie bringen auch bis ins hohe Alter Kitze zur Welt. Sobald sie dies jedoch nicht mehr tun oder wenn sie, warum auch immer, zwischendurch pausieren, färben sie etwas früher als die führenden Geißen – vorausgesetzt, sie sind gesund und ohne nennenswerte sonstige Belastung. In der Beurteilung vieler Jäger wird dann die Mitte September schon weitgehend in der Winterdecke befindliche kitzlose Geiß schnell zum starken Schmalreh! Deutliche Unterschiede stellen wir jetzt im September beiden Kitzen fest, und zwar im Haarkleid wie im Gewicht. Der sonst gerne gebrauchten Logik, die schwächeren unverzüglich zu erlegen, folgen längst nicht alle Jäger. Vermarktungsprobleme werden vorgeschoben. Allerdings verdient die „Logik“ auch eine Anmerkung. Die konditionellen Unter schiede der Kitze im September liegen zumindest teilweise im unterschiedlichen Setzdatum begründet.

Foto: Shutterstock

Immerhin dauert selbst die Kernsetzzeit rund drei Wochen, Ausreißer nach vorne und hinten nicht berücksichtigt. Es ist aber einleuchtend, dass ein in der ersten Maiwoche gesetztes Kitz Anfang September weiterentwickelt ist als eines, das in der ersten Juniwoche gesetzt wurde. Wenn wir jetzt noch den so oft zitierten „gesunden Menschenverstand“ aktivieren, dann wäre es angebracht, die spät gesetzten und somit noch schwachen Kitze bevorzugt zu erlegen. Allerdings müssen wir auch hier relativierend anfügen, dass die Gewichtszunahme spät gesetzter Kitze länger anhält. Die früh gesetzten stagnieren auch früher. Trotzdem ist es sinnvoll, bei schwachen Kitzen zu handeln, statt im Kaffeesatz zu deuten.Wir können wildbiologisch kaum etwas falsch machen, wenn wir uns bei der Jagd ein wenig an dem orientieren, was die Natur durch Jahrmillionen erfolgreich praktiziert hat – und die hat bei Kitzen nie lange überlegt!

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