Saugefährlich – Riskante Hundearbeit

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Von Michael Cosack

Fotos: Michael Cosack

Was Hunde- oder Meutenführer so alles leisten, bleibt den Standschützen oft verborgen. Ein Reporter der DJZ begleitete einen Rüdemann während einer Drückjagd auf Sauen.

Sturmböen, Regen und Graupelschauer – echtes Sauwetter. Eine Jagdkorona von rund 40 Mann (inklusive Treiber und Hundeführer) und 2 Frauen haben sich an diesem Morgen um 9 Uhr im Bundesland Hessen eingefunden, einer von ihnen ist Paul (Name von der Redaktion geändert). Er ist Hundeführer. In seinem Pick-up hat er 6 Hunde: 3 Deutsche Bracken, 1 Großen Münsterländer, 1 Deutsch Drahthaar sowie 1 Münsterländer-Mix-Hündin. Eine kleine Meute, die pro Jagdjahr an zirka 50 Drückjagden teilnimmt. Ihr Meuteführer ist Naturmensch, sportlich, etwa 1,90 Meter groß und 47 Jahre alt. Seit seinem 10. Lebensjahr führt er Hunde verschiedener Rassen und am liebsten schubst er Schwarzkittel aus der Dickung.

Vorbereitung

Nach Ansprache und Gruppeneinteilung durch den Jagdherrn geht es ins Revier. Es ist hügelig, und von der Wiese, auf der wir die Autos stoppen, sieht man schon die erste Schwarzdorndickung. Paul steigt aus, tauscht Lodenmantel und Strickjacke gegen eine signalfarbene, dornenfeste Schutzjacke. Dann lädt er seinen Revolver, schiebt ihn ins Holster und schnallt sich den Saufänger um die Hüften. Als er den Kofferraum öffnet, ist seine Meute schon bereit. Jeder Hund möchte der erste sein. Dennoch bleiben die Vierläufer ruhig. Nur ihre Aufmerksamkeit und das Wedeln mit der Rute verrät ihre Erregung. Nacheinander zieht der Hundeführer ihnen Schutzwesten über, legt GPS-Halsbänder um etc. Gut 10 Minuten dauert die Zeremonie, dann kann’s losgehen.

Mitten im Treiben bringen dieser Rüdemann und sein vierläufiger Begleiter eine Sau auf die Läufe

Erste Sauen

Mit 5 Hunden am Strick, nur der Große Münsterländer „Hans“ läuft frei, bewegen wir uns auf die 1. Dickung zu. Der Treiberführer telefoniert mit dem Jagdherrn. Da bricht ein Schuss. Die Bracken quittieren ihn mit Jubelgesängen – sie wollen los. Paul ruft seine Hunde zur Ordnung, fingert seinen GPS-Empfänger aus der Tasche und kontrolliert noch mal die Halsbänder. Kurz darauf dürfen die Hunde von der Leine. Rasch stürzen die Bracken und der Große Münsterländer los. Deutsch Drahthaar „Achill“ ist noch jung und muss vorerst beim Führer bleiben. Er soll sich nicht im Verfolgen seines Rudels üben, sondern in Kontakt zu seinem Herrn bleiben.

Sauenparadies

Wir tauchen in die Dickung. Es ist dicht, sehr dicht. Pauls Körpergröße ist für dieses Gelände hinderlich. Doch ob gebückt oder auf allen Vieren, er will zu den Sauen. Schüsse bellen durch das Gelände, Hundegeläut erklingt. „Die Bracken sind schon an den Sauen,“ ist sich der erfahrene Hundeführer gewiss. Auch „Achill“ wird nicht länger vom Strick gebändigt. Es ist hügelig, die Dickung von Wechseln durchzogen. Als wir aus ihr auf eine Freifläche treten, sehen wir, dass überall Sauen gebrochen haben. Ein paar hundert Meter vor uns ist die nächste Dickung, eine Schwarzdornhecke. Und plötzlich donnert ein Schwarzkittel in voller Fahrt aus dieser Dickung auf uns zu. Ein toller Anblick bei leichtem Schneegestöber. Er verschwindet in der Hecke, aus der wir gerade gekommen sind. Kurz darauf fällt ein Schuss.

Sichtlich erschöpft präsentiert der Nachsuchenführer das ordentliche Gewaff des im Nahkampf abgefangenen Bassen

Abgefangen

Wir drehen um und kriechen wieder in die Schwarzdornhecke. Auf einmal wird der Meuteführer schnell. Die Hunde haben einen krankgeschossenen Frischling gebunden. Er will ihnen so schnell wie möglich helfen. Seitlich kniet er sich neben den durch Krellschuss verwundeten Frischling und fängt ihn gekonnt mit dem Saufänger ab. Nun haben auch die Hunde das Interesse an dem Kujel verloren und verschwinden wieder in alle Richtungen. Paul legt das Schweinchen an die Leine und zieht es aus der Dickung.

Im Nahkampf

Den Frischling lässt Paul auf der Freifläche liegen und guckt auf sein GPS-Gerät. „Sch… die Hunde haben eine Sau gestellt. Aber 800 Meter von hier weg. Nutzt nichts, wir müssen dahin. Hans ist dabei, und dann ist die Sau wahrscheinlich krank.“ Wir starten: Erst im zügigen Marschtempo, dann im Laufschritt. Am Rande einer kleinen Ortschaft, vielleicht 20 Meter von einer Hofeinfahrt entfernt, hören wir den Bail. In einer Busch- und Baumgruppe hat „Hans“ die Sau am Teller gepackt und hält sie. 2 der Bracken packen ebenfalls Hunbeherzt zu, „Achill“ arbeitet an den Keulen. Paul geht routiniert ans Werk. Bis ans Heft fährt die Blankwaffe in die Überläuferbache und erlöst sie von ihrem Leiden. Als wir das Wildschwein bergen, entdecken wir den Grund für das Verfolgen und Stellen der Hunde: Die Bache hat einen tiefen Vorderlaufschuss. Ohne die Hunde wäre die Sau vermutlich nicht zur Strecke gekommen, eine Nachsuche langwierig und schwierig geworden.

Was ein Keiler mit so einem Gewaff anrichten kann, verdeutlicht das untere Foto eindrucksvoll

Der Schlag

Die Hunde haben sich an der Überläuferbache abgearbeitet und trotten nun erst mal neben uns her. 800 Meter über Berg und Tal zurück zum Treiben. Wieder geht es in diverse Dickungen, und wieder sind die Hunde auf der Jagd. Manchmal geht es so steil bergab, dass wir auf dem Hosenboden hinunterrutschen. Dann wieder bergauf. Dabei schlagen uns immer wieder Äste ins Gesicht, die Mützen vom Kopf, Dornen zerren an den Klamotten. Jetzt treffen wir mit anderen Hundeführern und Treibern zusammen. Kurzes Palaver, dann bekommen wir die Anweisung, noch mal zum Beginn des Treibens zu gehen. Dort soll Standlaut sein und eine oder mehrere kranke Sauen stecken. Angekommen, erzählen uns 2 Schützen von einem größeren Schwarzkittel, der schon krank angekommen wäre. Sie hätten ihn noch beschossen, aber nicht gut getroffen. Er müsse irgendwo vor ihnen in der Dickung stecken. Paul geht wieder los. Und plötzlich wird es laut. Im undurchsichtigen Schwarzdorn haben die Hunde einen wehrhaften Keiler gepackt. Paul arbeitet sich durchs Dickicht, will den Hunden in dem unübersichtlichen Gestrüpp beistehen. Beherzt schmeißt er sich auf die Dornen. Irgendwo unter oder neben ihm ist der Keiler. In der rechten die Blankwaffe, mit der linken Hand versucht er sich irgendwo abzustützen. Da erwischt ein Hauer des Keilers Pauls Unterarm. Dennoch fängt er den Keiler ab. Erst danach flucht er laut und deutlich: „Das Mistvieh hat mich geschlagen. Das pocht ganz schön … Meine x-te abgefangene Sau, und die 1., die mich geschlagen hat.“ Mit vereinten Kräften ziehen wir den großrahmigen, gut 60 Kilogramm schweren Wildkörper aus der Dickung. Ein Keulen- und ein Weichschuss hatten die etwa 3-jährige Sau so zornig gemacht.

3 Klammern

Danach ist Jagd vorbei. Der Meuteführer schaut auf seinen GPS-Empfänger. „Gretel“, die älteste und erfahrenste Bracke, ist etwa 400 Meter weit weg. „Ich muss dahin“, und schon stapft er wieder los. Doch dort, wo er die Hündin vermutet, findet er nur das GPS-Halsband. Der Hund ist und bleibt für den heutigen Tag verschwunden. So kommt Paul als letzter zum Streckenplatz, verschwitzt, müde, sehr durstig und nur mit 5 von 6 Vierläufern. Erst versorgt er seine Hunde, dann schaut er nach seiner Verletzung. Das Gewehr des Keilers ist durch die Jacke in den Unterarm gefahren. Eine einige Zentimeter lange Risswunde und ordentlich Schweiß zeugen von der Auseinandersetzung. Zum Glück hat er Desinfektionsmittel, Tacker und Verbandszeug dabei – eigentlich für die Hunde, heute für ihn. Seine Liebe und Mitjägerin Carina ist gelernte Arzthelferin. Mit 3 Klammern schließt sie die Wunde, mit einem fachmännischen Verband ist auch die Blutung gestoppt.

Der Schmiss am Unterarm ist heftig. Er muss mit 3 Klammern getackert werden

Ordentliche Strecke

Am Ende dieser Jagd in Mittelhessen liegen 25 Sauen. Darunter ein mehrjähriger Keiler – etwa 6 Jahre – mit guten Waffen. Alle Schützen hatten reichlich Anblick. Einer zählte auf seinem Stand über 30 Sauen. Zufriedene Gesichter und dank der guten Hundearbeit nur wenige Nachsuchen. Doch darum kümmern sich andere Spezialisten. Paul sorgt sich um seine „Gretel“ und zum 1. Mal an diesem Tag hört man ihn nach einem Hund rufen. Doch auch eine spätere Fahrt durchs Revier bringt keinen Erfolg. Erst einen Tag später wird „Gretel“, von Waldarbeitern gesichtet und kann von Carina nach Hause geholt werden.

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