Die Jagd auf Steinwild

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Steinwild wird heute aus rationalen Überlegungen bejagt, wenn auch mit bestimmten Auflagen.

Das war vor einigen Jahrzehnten noch nicht der Fall. So schrieb Bergmiller 1912 in seinem Buch „Erfahrungen auf dem Gebiete der hohen Jagd”: „Es ist ganz überflüssig, über die Jagd auf den Steinbock ein Wort zu verlieren. Diese gehört bei uns leider der Vergangenheit an.”

Heute wird es in manchen der stark anwachsenden Steinbock-Kolonien zur Notwendigkeit, mit Lebendfang oder Hegeabschüssen die Populationsdichte zu mindern, weil zu hohe Bestände für die Art Nachteile bringen.

In überbevölkerten Kolonien verschlechtert sich durch die Äsungsknappheit und den steigenden sozialen Streß der körperliche Zustand der Steinböcke.

So sank in der größten Kolonie der Schweizer Alpen (Piz Albris/Graubünden) nach dem Überschreiten der Tragfähigkeit des Lebensraumes die durchschnittliche Körpermasse bis auf 30 Kilogramm. Außerdem nimmt die Jugendsterblichkeit zu. Nach strengen Wintern steigt die Fallwildquote, und es treten verstärkt Erkrankungen wie Lungenentzündung, Parasitenbefall, Gamsblindheit und Räude auf.

Darüber hinaus mindert sich die Fortpflanzungsleistung der Population, und einzelne Stücke weichen dem „Bevölkerungsdruck” aus und wandern in als Steinwildlebensräume wenig geeignete Gebiete ab.

Entwicklung in Graubünden & Bern

Die jährliche Zunahme eines Bestandes liegt im schweizerischen Kanton Graubünden mit großer Regelmäßigkeit bei elf Prozent. Im allgemeinen gehen die Schweizer Jagdbehörden davon aus, daß eine gesunde Steinwildkolonie einen Jahreszuwachs von zehn bis 15 Prozent aufweist.

Nach Erfahrungen aus Graubünden und Bern tritt bei einem Abschuß von zehn Prozent des Bestandes im Zusammenwirken mit den natürlichen Winterverlusten Stabilität ein. Voraussetzung für die Bejagung bildet allerdings ein Mindestbestand von 50 Stücken. Aus kleineren Kolonien werden nur kranke und schwache Exemplare entnommen.

Gelegentlich beugt die Bejagung ebenfalls der Raum- und Äsungskonkurrenz zwischen dem Steinwild und dem im selben Biotop lebenden Gamswild vor. Auch das Erhalten der Aufgaben der Kampf- und Schutzwälder erfordert Bestandsregulierungen bei zu hohen Fahlwild-Beständen. Steinwild schädigt im Gebirgswald besonders den Jungwuchs.

Richtige Bejagung

Um den natürlichen Altersklassenaufbau und das Geschlechterverhältnis beizubehalten, müssen aus allen Altersklassen genauso viele Böcke wie Geißen erlegt werden. Außerdem ist in der Altersklassenverteilung eine Relation von fünf Jungtieren zu vier der Mittelklasse und einem Stück der Altersklasse einzuhalten. Hinzu kommt der Abschuß kranker oder krankheitsverdächtiger Stücke.

Obwohl der Steinbock mit einem Bestand von über 14000 Stücken in der Schweiz nicht mehr gefährdet ist, zählt er interessanterweise immer noch zu den geschützten Arten.

Trotzdem erläßt der Bund Vorschriften über seine Bejagung. Die jagdlichen Eingriffe sollen die artengerechte Geschlechterzusammensetzung und den natürlichen Altersaufbau der Population gewährleisten. Trophäenjagd ist hier nicht gefragt. Die jährliche Abschußquote beträgt etwa 1000 Stück.

Für die Schweizer Bürgern erlaubte Jagdausübung sind zehn gelöste Patente (Jahresjagdscheine) Voraussetzung. Die für die Steinbockbejagung zugelassenen Jäger erlernen in Kursen die wichtigsten, das Fahlwild betreffenden Grundlagen, etwa die Altersschätzung am lebenden Wild.

Junge Jäger dürfen eine nichtführende Geiß und einen Bock der Jugendklasse erlegen, alte Jäger eine Geltgeiß und einen reifen Bock. Die Geiß ist jeweils zuerst zur Strecke zu bringen.

Die Jagd auf Steingeißen gilt als schwierig, die auf Böcke gestaltet sich manchmal leicht, das andere Mal strapaziös. Bedeutsam dabei ist, daß man wegen der Gefahr des Abstürzens nicht in allen Einständen schießen kann. Und: Vor dem Schuß ist auch an das meist recht mühsame Bergen und Bringen des erlegten Wildes zu denken.

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