Jagd und Artenschutz (Jagdjahr 2011/2012)

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Bericht aus dem Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein

Von Johann Böhling

 

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Veränderungen in der Agrarlandschaft haben die Lebensbedingungen für das Niederwild wie den Fasan verschlechtert. (Foto: Jürgen Weber)
Da Schleswig-Holstein kein typisches Waldland ist, spielt hier die Niederwildjagd in den zahlreichen Feldrevieren traditionell eine bedeutende Rolle. Niederwildjagd ist gerechtfertigt, wenn dabei das Gebot der Nachhaltigkeit berücksichtigt und die Gefährdung oder Störung anderer Arten vermieden wird.
 
Die im Jahresbericht Jagd und Artenschutz durchgeführte Beobachtung der Jagdstrecken über längere Zeiträume ist nur ein Nachhaltigkeitsweiser. Es müssen weitere Monitoringdaten hinzutreten, um einen realistischen Eindruck über die Populationsentwicklung der jagdbaren Tierarten zu bekommen. Durch das Wildtierkataster Schleswig-Holstein werden in Kooperation zwischen CAU Kiel und Landesjagdverband Schleswig-Holstein regelmäßig repräsentative Bestandserfassungen für einzelne Arten durchgeführt. Die Kombination dieser wissenschaftlichen Ergebnisse mit den Langzeittrends der Jagdstreckenentwicklung gibt Hinweise darauf, ob Arten ganzjährig zu schonen sind oder ob gegebenenfalls Jagdzeiten verkürzt oder verlängert werden können.
 
Das Jagdjahr 2011/12 hat bei fast allen Niederwildarten negative Streckentrends gebracht. Die Ursachen mögen von Wildart zu Wildart unterschiedlich sein. Unverkennbar ist jedoch die Tatsache, dass die Veränderungen in der Agrarlandschaft die Lebensbedingungen für das Niederwild verschlechtert haben. Schlaggrößen, verkürzte Fruchtfolgen und Bearbeitungsintervalle, Verlust an Grünland und an Landschaftselementen, großflächiger Maisanbau, Ausbringen von Gülle und Gärresten – all das sind Faktoren, die entweder für sich oder in Kombination negativ auf das Niederwild einwirken. Die Jägerschaft kann hier nur bescheiden gegensteuern. Einzelne Jagdreviere machen vor, wie durch die Anlage von Biotopen, Blühstreifen oder Ackerrandstreifen Refugien geschaffen werden können. Es müssten sich viel mehr Reviere beteiligen, um Hase, Fasan, Rebhuhn und Ente weiterhin nachhaltig gesicherte Lebensbedingungen erhalten zu können.
 
 
 
 
 

 

Diagramm JagdstreckenSH 20112012_550
Veränderungen der Jagdstrecke gegenüber dem Vorjahr in Prozent
 


Streckenergebnisse und deren Erläuterung

 

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Der Waschbär breitet sich in Schleswig-Holstein nur langsam aus. (Foto: Horst Niesters)

Niederwild

Waschbär, Marderhund
Der im Jahre 1982 in Schleswig-Holstein erstmalig in der Jagdstatistik auftau-chende Waschbär breitet sich nur langsam aus, wie die auf niedrigem Niveau schwankenden Jagdstrecken zeigen (2011/12: 44 Stück, minus 30%).
Beim Marderhund schreitet die Besiedlung, von Südosten ausgehend, weiter voran (2011/12: 1.145 Stück, plus
36 %).
 
Beide Arten können, wie Beispiele aus anderen Bundesländern zeigen, für Vogel- und Niederwildarten zur Bedrohung werden. Eine Regulierung durch Bejagung ist deshalb, ähnlich wie beim Fuchs, weiterhin erforderlich.
 
Hasen
Die Langzeitbeobachtung zeigt, dass die Hasenstrecken ein wellenförmiges Auf und Ab aufweisen. Im Jagdjahr 2011/12 fiel die Hasenstrecke mit 32.944 Stück auf das Niveau des letzten Tiefstandes der Jahre 1997 und 1998 zurück. Es bleibt zu hoffen, dass bald wieder eine positive Trendumkehr einsetzt.
Die Hasenbestände in Schleswig-Holstein werden seit Beginn der 90er Jahre durch das Wildtierkataster intensiv beobachtet. Generell ist davon auszugehen, dass Schleswig-Holstein im bundesweiten Vergleich eine hohe Hasendichte hat und nichts gegen eine Bejagung spricht. Da die Besatzverhältnisse von Revier zu Revier sehr unterschiedlich sein können, muss im Einzelfall durch die bekannten Zählverfahren geklärt werden, ob und wie stark eine Bejagung möglich ist.
 
Kaninchen
Der vorsichtige Aufschwung des Jahres 2009 war nicht der Beginn einer neuen Kaninchenära. Gegenüber dem Vorjahr sank die Strecke um 25 % auf 10.554 Stück. Die Kaninchenvorkommen beschränken sich auf wenige Schwerpunkträume, leider oft an den „falschen“ Stellen wie auf Sportplätzen, an Landesschutzdeichen oder im besiedelten Bereich. Das seit Mitte der 90er Jahre sehr niedrige Streckenniveau ist in erster Linie das Ergebnis von immer wieder auftretenden Seuchenzügen von Myxomatose und China-Seuche.
 
Füchse
Die Fuchsstrecke ist seit 2007 relativ konstant und lag im zurückliegenden Jagdjahr bei 14.490 Stück (minus 11 %). Die Landesregierung hat Anreize gegeben, in einigen Naturschutz- und Vogelschutzgebieten die Fuchsbejagung zu verstärken, um die Überlebenschancen von Wiesen- und Seevögeln, aber auch der Niederwildarten, zu verbessern. Es bleibt abzuwarten, ob diese zusätzlichen Fangjagdaktivitäten in einigen Regionen die Gesamtstrecke an Füchsen signifikant ansteigen lassen werden.
 
Dachse
Die Dachpopulation befindet sich auf einem gesichert hohen Niveau. Der Dachs wird oft nicht intensiv und gezielt, sondern eher „beiläufig“ bejagt. Die Dachsstrecke ging leicht zurück (minus 5 %) und lag mit 1.842 Stück weit über den bis Mitte der achtziger Jahre üblichen Abschusszahlen von wenigen hundert Stück.
 
Marder, Iltis, Wiesel
Die Steinmarderstrecke lag mit 3.962 Stück im Bereich des langjährigen Mittels. Es ist davon auszugehen, dass der tatsächliche Populationseingriff höher ist, da sowohl das Verkehrsfallwild wie auch die Fänge in befriedeten Bezirken von der Statistik nicht vollständig erfasst werden.
 
Über Baummarder, Iltis und Wiesel liegen bisher kaum Monitoringdaten vor. Es ist erfreulich, dass derzeit in den Kreisen Segeberg und Dithmarschen wissen-schaftliche Untersuchungen laufen, die Aufschlüsse über die Populationsdynamik dieser Raubwildarten liefern sollen.
 
Die Jagdstrecke des Baummarders stieg 2011/12 um 4 % auf 496 Stück an. Ein flächendeckender, stabiler Besatz mit Baummardern in unseren Wäldern lässt sich auch daraus ableiten, dass Höhlenbrüter wie Schwarzspecht, Rauhfußkauz und Hohltaube während der Brutzeit häufig zur Beute des Baummarders werden.
 
Die Iltisstrecke ging um 13 % auf 1.779 Stück zurück. Besonders auffällig ist der Streckenrückgang beim Wiesel um 26 % auf 579 Stück. Zum Vergleich: Im Rekordjahr 1972 kamen 37.814 Wiesel zur Strecke! Dies ist ein deutliches Indiz für einen starken Rückgang der Population. Die geringe Strecke ist allerdings auch dadurch zu erklären, dass die sehr wirkungsvolle Wiesel-Wippbrettkastenfalle aus Tierschutzgründen durch die Fangjagdverordnung verboten wurde.
 

 

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Graugänse. Rekordjahresstrecken von 14.668 Wildgänsen wurden erreicht. (Foto: Jürgen Weber)

Federwild

Wildgänse
Aus der Tabelle Federwildstrecken 2011/12 ist zu entnehmen, wie sich die neuerliche Rekordjahresstrecke von 14.668 Wildgänsen (plus 16 %) auf die einzelnen Gänsearten aufteilt.
 
Wildgänse verursachen trotz unterschiedlicher Managementmaßnahmen und der steigenden Abschusszahlen immer wieder bedeutende Fraß- und Verkotungsschäden auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Wo es erforderlich ist, versuchen die Jagdbehörden durch Abschussanordnungen nach § 27 des Bundesjagdgesetzes zur Eindämmung der Gänseschäden beizutragen. Durch eine Ergänzung von § 29 des Landesjagdgesetzes ist es den Jagdbehörden seit Frühjahr 2012 möglich, in Einzelfällen zur Abwendung erheblicher Wildschäden das Ausnehmen von Gänsegelegen zu genehmigen. Es bleibt abzuwarten, ob damit ein Beitrag zur Schadensreduzierung geleistet werden kann.
 
Fasane
Mit einer Jahresstrecke von 10.252 Stück (minus 15 %) spielt der Fasan nur noch in wenigen Niederwildrevieren eine bedeutende jagdliche Rolle. Das Hauptvorkommen liegt in den Kreisen Dithmarschen und Steinburg.
 
Rebhühner
Ganze 85 Rebhühner wurden 2011/12 in Schleswig-Holstein erlegt. Dies zeigt, dass die Jägerschaft weitgehend freiwillig auf eine Bejagung verzichtet. Im Hinblick auf den Status des Rebhuhns in der „Roten Liste“ erscheint es künftig nicht sinnvoll, weiterhin eine gesetzliche Jagdzeit einzuräumen.
 
Gleichwohl ist das Rebhuhn eine wichtige Symbolart für Biotopschutzmaßnahmen durch die Jägerschaft. In der Fehmarnbeltregion läuft weiterhin das deutsch-dänische Interreg-Projekt. Länderübergreifend wird untersucht, welche Schutzmaßnahmen für das Rebhuhn sinnvoll und realistisch umzusetzen sind. Rebhühner kommen in sehr geringem Umfang nur noch in wenigen Geestrevieren zur Strecke .
 
Ringeltauben
Mit Einführung einer verkürzten Jagdzeit ging die Jagdstrecke der Ringeltauben ab 2002 signifikant zurück. Wurden Mitte der 70er Jahre noch bis zu 65.000 Ringeltauben pro Jahr erlegt, waren es 2011/12 nur noch 15.324 Stück.
 
Enten
Bei den Enten setzte sich mit einer Jahresstrecke von 43.597 Stück (minus 6 %) der Abwärtstrend der letzten Jahre fort.
 
Höckerschwäne
Es wurden 313 Höckerschwäne der Wildbahn entnommen, 232 davon durch Bejagung. Die Bejagung dient der Schadensverminderung auf Wintergetreideschlägen im Spätherbst und Winter. Aus Tierschutzgründen ist ausschließlich der Kugelschuss zugelassen.
 
Waldschnepfen
Die Waldschnepfen werden in Schleswig-Holstein im Spätherbst und Winter bei ihrem Zug von Skandinavien nach Süden bejagt. Die Jagdstrecke ist stark von Witterungseinflüssen abhängig und sagt nichts über die in Europa insgesamt stabile und ungefährdete Gesamtpopulation aus. Im Langzeitvergleich wurden 2011/12 mit 1.207 Stück (minus 36 %) sehr wenige Waldschnepfen erlegt.
 
Aaskrähen, Elstern
Die Jahresstrecke bei den Aaskrähen ist seit Einführung einer Jagdzeit im Jahre 2005 von Jahr zu Jahr gestiegen und erreichte 2011/12 24.097 Stück (plus 4 %).
 
Die Jahresstrecke der Elstern hat sich hingegen in den letzten Jahren bei ca. 4.800 Stück eingependelt (2011/12: 4.783 Stück, minus 2 %).
 

 

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Die Zuwanderung von Rotwild aus Dänemark hat im Kreis Nordfriesland zur Erlegung von 14 Stück Rotwild geführt.(Foto: Jürgen Weber)

Schalenwild

Mit der Novellierung des Landesjagdgesetzes im Frühjahr 2012 traten zwei für die Schalenwildbejagung wichtige Änderungen in Kraft.
  • Der Dreijahresabschussplan wurde verbindlich eingeführt. Dabei ist es lei-der nicht gelungen, zu einer flexiblen Verteilungsmöglichkeit der Abschüsse innerhalb des dreijährigen Festsetzungszeitraumes zu gelangen.
  • Es besteht die Möglichkeit, dass jährliche Abschusssoll ohne besonderen Antrag bei der Jagdbehörde um bis zu 30 % zu überschreiten.
Der im Landtag diskutierte vollständige Wegfall der behördlichen Abschussplanung für das Rehwild fand bei den Regierungsfraktionen in der abgelaufenen
17. Legislaturperiode keine parlamentarische Mehrheit.
 
Die Schalenwildbestände befinden sich weiterhin auf einem nie dagewesenen, hohen Niveau. In diesem Zusammenhang ist unverständlich, warum die zugunsten der Jägerschaft eingeführten Flexibilisierungselemente teilweise abgelehnt und durch abweichende vereinsrechtliche Beschlüsse von Hegegemeinschaften unterlaufen werden. Die Begründung kann nur in einem gegenseitigen Misstrauen innerhalb der Jägerschaft gesucht werden.
 
Rotwild
Beim Rotwild wurde, erstmalig seit Beginn der heutigen Jagdstatistik, die 900er Marke bei der Jahresstrecke erreicht (plus 5 %). Es besteht weiterhin ein Verbreitungsschwerpunkt im Kreis Herzogtum Lauenburg. Die Zuwanderung von Rotwild aus Dänemark hat im Kreis Nordfriesland zur Erlegung von 14 Stück Rotwild geführt.
 
Damwild
Da das Damwild zwischenzeitlich nahezu flächendeckend in Schleswig-Holstein vorkommt, wurde die seit 1980 bestehende behördliche Raumordnung in Vorkommensgebiete und damwildfreie Räume aufgegeben.
 
Die Rekordstrecke des Vorjahres wurde mit 9.902 Stück nochmals um 4 % übertroffen.
 
Für die Bewirtschaftung des Damwildes existieren gut funktionierende Hegegemeinschaften. Die Schwerpunkte des Vorkommens liegen in den Kreisen Plön, Ostholstein, Rendsburg-Eckernförde und Segeberg. Die Bestände sind in einigen Regionen überhöht und bedürfen dringend der Reduktion.
 
Sikawild
Die Sikawildstrecke ging um 5 % auf 260 Stück zurück. Eine weitere Ausbreitung dieser Wildart über die angestammten Vorkommensgebiete hinaus ist nicht vorgesehen.
 
Rehwild
Die Rehwildstrecke ging um rund 2.000 Stück auf 52.552 Stück zurück (minus 3 %) und befindet sich trotzdem weiterhin auf sehr hohem Niveau. Die Fallwildquote sank dabei von 33 % im Vorjahr auf
28 %. Es ist Spekulation, ob dies eine Folge von mehr „Buchungsehrlichkeit“ bei der Erstellung der Wildnachweisungen ist.
 
Schwarzwild
Das Schwarzwild hat, ähnlich wie das Damwild, ganz Schleswig-Holstein in unterschiedlicher Dichte erobert. Es gab gegenüber dem Vorjahr einen sehr deutlichen Streckeneinbruch. Es wurden 9.203 Stück Schwarzwild erlegt, gegenüber 16.092 Stück im Vorjahr (minus 43 %). Zu bedenken ist dabei, dass im Jahre 2001 in Schleswig-Holstein erstmalig die 8.000er Marke überschritten wurde. Die Jahresstrecke 2011/12 liegt mithin immer noch auf hohem Niveau.
 
Vom Schwarzwild ist seit langem bekannt, dass die Jahresstrecken in Abhängigkeit von Witterung und Äsungsverhältnissen stark schwanken können. Es ist folglich damit zu rechnen, dass weitere Ausschläge der Jagdstrecke nach oben, verbunden mit der damit einher gehenden Wildschadensproblematik, folgen werden. Der intensiven Schwarzwildbejagung muss im Interesse der Landeskultur und der Seuchenprävention weiterhin die verstärkte Aufmerksamkeit der Jägerschaft gelten.
 


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