Teure Leichtgewichte

10921

Früher war sie das Arme-Leute-Gewehr, für all solche gebaut, die sich keine kombinierte Waffe leisten konnten. Verdrängt durch den noch billigeren Repetierer, erobert die Kipplaufbüchse langsam wieder den Markt. Ganz vorn mit dabei die Modelle von Blaser und Merkel.

Von Sascha Numssen

Kipplaufbüchsen
Merkels K 1 (unten) kommt mit Nußbaumschaft, Tierstückgravuren und schlankem Lauf. Die aufpreispflichtige Ausstattung der Blaser K 95 umfaßt eine Gummischaftkappe, Edelholzabschluß und Achtkantlauf.

Bei den Bergjägern war und ist die Kipplaufbüchse immer noch allererste Wahl. Dort, im unwirtlichen und schweren Gelände, spielt sie auch ihre unschlagbaren Vorteile aus. Und das sind in erster Linie die Attribute leicht, führig, zerlegbar und dazu noch sehr präzise. Alles Vorteile, die aber auch Jäger weit entfernt der Alpen zu schätzen wissen. Insbesondere bei Frauen rangieren Kipplaufbüchsen sehr weit oben auf der Beliebtheitsskala.

Der Fertigungsaufwand für eine Kipplaufbüchse ist eigentlich nicht sehr groß, zumal heute überwiegend maschinell und unter Ausnutzung der CNC-Technik produziert wird. Gravuren, ausgesuchte Schafthölzer und noch ein paar andere optische Feinheiten schrauben den Preis dann jedoch schnell in Regionen, die kaum einer mehr nachvollziehen kann. Sieht man einmal von den günstigeren Angeboten wie Brünner oder Harrington & Richardson ab, beginnt der preisliche Einstieg bei knapp über 4000 Mark. Dabei ist es egal, welchen der großen deutschen Hersteller man auswählt. Damit hat sich das früher verschmähte „Entlein“ zu einem stolzen und nicht gerade billigen Schwan gemausert.

Leicht

Zum Langzeittest trafen in der Redaktion eine Blaser K 95 Luxus im Kaliber 7×57 R mit Sonderausstattung und die Merkel K 1 Ausführung „Jagd“ in 7×65 R ein. Beide Varianten liegen in ihrer Ausführung (Schaftholz und Gravur) schon deutlich über den Standardmodellen. Die Technik ist dieselbe.

Im Jahr 1977 verließ erstmals eine Kipplaufbüchse das Blaser-Werk in Isny. Der Verschluß der K 77, ein abkippender Block, ging auf ein Patent des Firmenbegründers Horst Blaser zurück. Und der hatte sich wohl an dem 1906 eingetragenen Patent des Suhler Büchsenmachers Hans Jäger orientiert, den Merkel als Konstrukteur für ihren sogenannten Simson-Jäger-Verschluß aufführt.

Betrachtet man beide Verriegelungen, gibt es in Aussehen und Funktionsweise keine nennenswerten Unterschiede, außer der Tatsache, daß sich der Kippblock der Blaser zum Reinigen entnehmen läßt (siehe Technik auf einen Blick Blaser und Merkel).

Beide Baskülen bestehen aus einer hochfesten Aluminium-Legierung und sind reichhaltig graviert. Blaser setzt bei seinem Modell Luxus auf Distellaub mit feiner englischer Arabeskengravur, Merkel hingegen liefert das Modell „Jagd“ mit zwei Tierstückgravuren aus, linksseitig Alttier mit Hirsch und rechts Gams. Hier entscheidet natürlich der persönliche Geschmack, wenngleich die Tierstücke den Betrachter nicht gerade vom Hocker reißen konnten.

Der 58,5 Zentimeter lange Lauf der Merkel ist tiefschwarz brüniert. Das nur 54 Zentimeter lange, achtkantige und dazu noch aufpreispflichtige Blaser-Rohr (1044 Mark) trägt die von der R 93 bekannte reflexfreie und plasmanitrierte Oberflächenbehandlung – schlechtes Wetter ist hier kein Thema.

Der vordere Riemenbügel sitzt am Lauf, bei der Blaser ist er von unten angelötet, bei der K 1 als Ring über den Lauf gezogen. Natürlich besitzen beide eine offene Visierung. Besonders gelungen ist das Fluchtvisier von Blaser, mit V-Kimme und weißem Mittelstrich sowie rotem Leucht-Perl-korn aus Kunststoff. Kimme und Korn können mit Schraube oder Inbus eingestellt werden. Anders bei der Merkel – die herkömmliche Standkimme mit Balkenkorn läßt sich wie bei vielen anderen Gewehren bestenfalls als Notvisier gebrauchen – kaum Kontrast, enger Kimmenausschnitt und wehe das Licht fällt einmal von der falschen Seite ein.

Die Schäfte gleichen sich bis auf ein paar wenige Details. So bestehen beide aus edlem Nußbaumholz, haben einen leichten Schweinsrücken und eine Bayrische Backe. Allerdings trumpft hier die Blaser durch eine Gummischaftkappe und einen Edelholz-Vorderschaftabschluß auf – beides jedoch mit 141 beziehungsweise 474 Mark aufpreispflichtig. Die Vorderschäfte enden vorn mit einer Tropfennase, dort wurde auch bei der Merkel ein Kunststoffknopf eingelassen, der auf Druck den Vorderschaft freigibt. Bei der K 95 wird der Vorderschaft über einen Patentschnäpper entriegelt.

Das schön gemaserte Holz der Blaser bietet etwas für das Auge, verliert aber wiederrum Punkte bei der Fischhaut – die stammt bei der K 1 aus dem allerersten Regal, eben griffig und perfekt geschnitten. Etwas ernüchternd ist jedoch deren Abschlußkappe aus Kunststoff, die in solch einer einfachen Ausführung nichts an einem 5000-Marks-Gewehr zu suchen hat. Häßlich auch die unverblendeten Kreuzschlitzschrauben.

Beide Waffen sind mit einem Feinabzug ausgestattet, bei der Blaser löste er bei 300 Gramm aus, die Merkel K 1 verfügt darüber hinaus noch über die Option, das Abzugsgewicht auf drei unterschiedliche Stufen von 250 bis 500 Gramm einstellen zu können. Bei der Drückjagd oder Übungen auf den Laufenden Keiler bewährte sich das höhere Abzugsgewicht, für weite Schüsse oder das Schießen von Schußbildern war der geringe, fast stecherartige Abzugswiderstand gut geeignet. Verstellen läßt er sich über einen links am Metall-Abzugsbügel sitzenden Drehschalter. Blaser kommt hier nur mit einem Bügel aus Kunststoff – fast schon eine Glaubensfrage, genauso wie die Verwendung von Leichtmetall im Waffenbau.

Bewährung in der Praxis

Die Waffen wurden im heimischen Revier auf Ansitz und Pirsch geführt. Um es gleich vorweg zu nehmen: Beide wurden ganz bewußt mit starkvergrößernder Nachtoptik geordert. Natürlich geht die Ästhetik mit solch einer „Lichtkanone“ zum Teufel, aber der Präzisionstest läßt sich nun einmal besser mit einer zwölffachen Vergrößerung realisieren.

Allerdings, das zeigten die Anschlagsversuche auf der Kanzel, neigt das leichte Gewehr mit einem schweren Zielfernrohr dazu, durch den hoch liegenden Schwerpunkt seitlich wegzukippen. Das erschwert natürlich ein gutes Abkommen.

Deshalb sollte das absolute Maximum ein Leichtmetall-Zielfernrohr mit 42er Objektivdurchmesser sein, wenngleich Zeiss mit der neuen VM-Serie eine echte Alternative bietet, denn das 2,5-10×50 kommt gerade einmal mit der Baulänge eines 1,5-6fachen aus.

Dank der Einschloß-Handspannung kann die Waffe auch geladen sicher geführt werden. Dabei wird der Spannschieber erst unmittelbar vor der Schußabgabe nach vorn gedrückt und damit das Schloß gespannt. Im Schuß bewegt er sich selbsttätig zurück. Beim Nachladen hat man also immer ein ungespanntes Gewehr in der Hand, das zur neuerlichen Schußabgabe erst wieder gespannt werden muß. Betätigt man in gespanntem Zustand den Oberhebel, springt der Spannschieber automatisch zurück. Die vorhandene Fallsicherung verhindert eine ungewollte Schußabgabe bei Stoß oder Fall.

Die Bedienung beider Systeme unterscheidet sich dahingehend, daß bei der K 1 der Schieber zum Entspannen nach vorn gedrückt werden muß. Bei der Blaser hingegen legt man den Daumen in die vorgesehene Daumenmulde und zieht den Spannschieber einfach nach hinten zurück. Das ganze Prozedere geht bei der Blaser geräuschlos, bei der Merkel ist sowohl beim Spannen als auch Entspannen ein leises Knacken zu hören – völlig unnötig, denn Blaser beweißt ja, daß es auch ohne geht.

Beim winterlichen Nacht-ansitz auf Schwarzwild und Fuchs in der engen Kanzel machte sich die kurze Baulänge beider Gewehre positiv bemerkbar. Mit der Blaser wurden drei Sauen erlegt. Die Wirkung der 7×57 R mit dem 10,5 g Kegelspitz war hervorragend. Zwei Frischlinge mit 31 und 36 Kilogramm lagen im Knall und ein tiefblatt getroffener Überläufer nach 70 Metern.

Die K 95 schoß sich trotz des geringen Eigengewichts (ohne ZF) weich und auch der Abzugswiderstand war für mein Empfinden optimal. Dafür ließ es das heftige Mündungsfeuer (54er Lauf) nicht zu, die Fluchtrichtung des beschossenen Überläufers anzusagen. Im Laufe des Tests gelang es ferner noch fünf Rehe und zwei Füchse zu erlegen. Dabei waren Wildbret- und Balgzerstörung mit der 7×57 R auffallend gering. Ein schon fast vergessenes Kaliber, das sich für all diejenigen Jäger eignet, die vorwiegend auf Rehwild jagen und nur gelegentlich auf Sauen oder Rotwild zu Schuß kommen.

Die 7×65 R aus der Merkel verpaßte dem Steuermann dahingegen schon einen kräftigen Klaps gegen die Schulter – aber alles noch im Rahmen des Erträglichen. Mit dem 10,7 g TM-Geschoß von Geco gingen jedoch alle drei erlegten Böcke mit gutem Blattschuß noch 100 bis 150 Meter. Das spricht zwar nicht gegen das Kaliber, bescheinigt dem Geschoß aber eine zu große Härte, zumindest für leichtere Stücke wie Rehwild.

Bei den beiden gestreckten Sauen (30 und 58 Kilogramm) war die Wirkung gut, wenngleich trotz Ausschuß kaum Schweiß zu finden war. Sie lagen nach 40 und 50 Metern. Möglich, daß das TM von Geco wie das TUG-Geschoß einen größeren Zielwiderstand für ein optimales Ansprechen benötigt.

Heißgeschossen, aber präzise

Für den Präzisionstest wurde auf der Blaser mit der Sattelmontage ein Swarovski 3-12×50 mit Leuchtabsehen 4 NP montiert. Die Merkel, ebenfalls für eine hauseigene Montage vorbereitet, bekam mittels Suhler-Schwenkmontage ein Zeiss Diavari-ZM 3-12×56 mit Absehen 1 verpaßt. Die Waffen wurden auf 100 Meter frei aufgelegt vom Sandsack aus geschossen. Dabei verzichtete man auf längere Kühlpausen, um auch eine Aussage über das Warmschußverhalten treffen zu können.

Die Merkel K 1 erreichte mit der 11,2 g H-Mantel von RWS ihre beste Fünfer-Gruppe von 32 Millimeter, gefolgt von RWS 10,0 g DK mit 35 und Geco 10,7 g TM mit 39 Millimetern. Es traten keine Ausreißer auf, und das trotz des auffallend dünnen Laufs. Die Blaser mit dem dicken, achtkantigen Rohr kam mit Sellier & Bellot 11,2 g TM auf 31 Millimeter, mit RWS H-Mantel und DK auf 34 beziehungsweise 35 Millimeter und mit der Geco 10,7 g TM auf 36 Millimeter.

Hinsichtlich der Eigenpräzision gibt es keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Kalibern. Alles in allem also eine fast identische Schußleistung. Mit den normal üblichen Kühlpausen hätte man die Ergebnisse sicher noch um gut zehn Millimeter nach unten drücken können – das haben die umfangreichen Präzisionstests früherer Jahre schon bewiesen.

Zu hoher Einstiegspreis

Pirsch- und Bergjäger schätzen das geringe Gewicht, die Baulänge und Zerlegbarkeit. Doch auch beim Nachtansitz auf Sauen in beengten Kanzeln macht die Kipplaufbüchse eine gute Figur, stößt man mit ihr doch kaum irgendwo an. Und machen wir uns doch bitte nichts vor – durch das Mündungsfeuer geblendet, bekommt man nachts sowieso nie mehr als einen Schuß heraus.

Besonders gefällt die Einschloß-Handspannung. Sicherer läßt sich eine Waffe nicht führen – und dabei ist man blitzschnell schußbereit. Die Präzision steht der von Repetierern in nichts nach und auch das Warmschußverhalten beeindruckte nachhaltig.

Der Grundpreis von über 4000 Mark ist für eine maschinell produzierte Kipplaufbüchse sehr hoch – da hat der Repetierer immer noch die Nase vorn (siehe Vor- und Nachteile Blaser und Merkel). Dennoch möchte ich hier moderne Fertigungstechniken nicht verteufeln, gewährleisten sie doch reproduzierbare Ergebnisse hinsichtlich Fertigungsqualität und Waffenpräzision. Allerdings könnten die Hersteller die Kostenersparnis auch an den Endverbraucher weitergeben, indem es niedrigere Einstiegspreise oder eine bessere Ausstattung schon beim Standardmodell gibt.

Ernstzunehmende Konkurrenz droht den Kipplaufbüchsen „Made in Germany“ allerdings jetzt aus Italien, das zumindest verspricht der Frankonia Sommer-Katalog 2000. Die Sabatti SKL 98 kommt ebenfalls mit Handspanner-System und dazu noch in klassischer Aufmachung. Und sie soll darüber hinaus schon für 1998 Mark über den Ladentisch gehen.Foto: Peter Brade

Aboangebot