Vorspiel in der Blattzeit

1914

Wer in der Rehbrunft erfolgreich Böcke heranblatten will, sollte einige Regeln beachten, rechtzeitig Vorbereitungen treffen und üben, üben, üben.

Die Beobachtungen beginnen schon im zeitigen Frühjahr. Plätz- und Fegestellen im März und Anfang April verraten den mehrjährigenTerritorialbock. In Gedanken – oder besser noch in einer Revierkarte – ordne ich die gefundenen Pirschzeichen einem Einstandsgebiet zu. Beobachten der „Kandidaten“ im Laufe des Frühjahres erleichtert später das Ansprechen der herbeigeblatteten Böcke. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Blattjagd ist natürlich: Die Platzböcke bei Aufgang der Jagdzeit am Leben lassen! Zwar würde sich in diesem Gebiet wieder ein neuer Bock einfinden – der ist dann meist jünger. Jagdlich müssen wir uns jedoch keinesfalls auf die faule Haut legen.

Erich Kaiser
Die Geheimnisse der Blattjagd erlernt der Jägernachwuchs am leichtesten von einem erfahrenen Jäger. Foto: Hans-Jörg Nagel

Es gibt genug zutun bei den geringen Jährlingen, schwachen Abschussböcken und Schmalrehen. Starke Böcke bejagen wir vor der Blattzeit lediglich in Straßennähe, um dort Verluste zu vermeiden. Nicht zu vergessen: Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis wirkt sich positiv auf den Blatterfolg aus. Im Frühsommer mache ich mich mit den einzelnen Territorien vertraut und wähle pro Einstand ein oder zwei geeignete Stellen (für Ost- und Westwind) aus, von denen ich später blatten will. Wir bevorzugen niedrige Blattstände, vergleichbar mit Drückjagdböcken. Ich halte solche etwa zwei Meter hohen Sitze für geeigneter als Erdschirme: Man hat von dort eine bessere Übersicht und sitzt nicht direkt im Sichtfeld des Wildes. Im Feld bieten sich bestehende Hochsitze an, da ich von dort aus ins Getreide und hohe Gras blicken kann. Die Meinung, dass die Böcke mein Blattkonzert von erhöhtem Posten aus als unnatürlich empfinden, gilt nur bedingt. Und zwar dann, wenn ich den unmittelbar vor mir verhoffenden Bock noch einmal anfiepe, um ihn einige Meter näher zu bringen. Hier ist absolute Ruhe und Bewegungslosigkeit geboten. Lediglich ein verhaltenes Schrecken kann in besonderen Situationen helfen. Zum Beispiel, um den Bock zum Verhoffen zu bringen oder ihn, wenn er verunsichert erscheint, zu beruhigen. Optimale Tarnung bei maximaler Übersicht heißt die Devise. Die Stände sollten rund 100 bis 150 Meter vom Einstand stehen. Weiter ist zu beachten, dass die springenden Böcke nicht gerne den Einstand verlassen. Sie meiden helle, deckungslose Flächen. Sehr viel lieber und unbekümmerter werden Baum- und Althölzer mit geringem Unterwuchs angenommen. Das A und O des Erfolges ist der passende Wind. Wichtig auch ein sauberer gefegter Pirschsteig zum Blattstand.

Die richtige Ausrüstung

Auch wenn die Traditionalisten die Nase rümpfen: Leichte Tarnkleidung und Kopfbedeckung, am besten mit Gesichtsmaske oder -schleier, sowie Handschuhe gehören für mich zur Blattjagd. Je ungeschützter ich meine Position eingenommen habe, zum Beispiel nur mit Sitzstock an einen Baum gelehnt, desto besser muss ich mich selbst unsichtbar machen. Spätestens dann geht es nicht mehr ohne kompletten Tarnanzug. Bei derartig einfachen Blattständen gehört der Pirschstock als Schießhilfe zur Ausrüstung. Gerade auf engen Drückjagd- und Blattständen ist eine kurzläufige führige Büchse von Vorteil.

Besonders bei dieser Jagdart setze ich gern meinen Blaser Kipplaufstutzen im Kaliber 6,5×55 ein. Bei weiter Sicht, vor allem im Feld, gehört ein leichtes Pirschglas zur Ausrüstung. Ansonsten spreche ich direkt über das Zielfernrohr an, das auf mittlerer (vier- bissechsfacher) Vergrößerung stehen sollte. In Stech- und Kriebelmücken geplagten Gebieten ist ein Mückenschutzspray unerlässlich, man muss schließlich still sitzen. Der Chemiegeruch ist kein Problem, da der Wind ohnehin passen muss. Fehlt nur noch das richtige Blattinstrument. Hier gibt es eine breite Palette an Herstellern, Material und Bedienungsformen. Am besten lässt sich der Jäger von einem erfolgreichen Blattjäger beraten und sucht sich dann das Instrument aus, mit dem er gut klarkommt. Vom Buchenblatt, dem Namensgeber der Blattjagd, über das Zigarettenpapier bis zum Buttolo- Handblatter und einer Menge von „Blasgeräten“ sind den Vorlieben des Weidmanns keine Grenzen gesetzt. Ich übe die Rufjagd mit dem „Rottumtaler Rehblatter“ aus. Nicht wegen seines feschen Aussehens, sondern wegen seiner Führigkeit, Robustheit und der unvergleichbaren Wiedergabe der unterschiedlichen Fieplaute. Bestens vorbereitet und ausgerüstet, beginnt in der letzten Juliwoche die Rufjagd auf unsere Böcke. Je rauer das Klima, desto später setzt die Brunft ein. Das liegt daran, dass in klimatisch härteren Gebieten die Kitze etwas später gesetzt werden und die Ricken etwa 67 Tage nach dem Setzen erneut ihren Eisprung haben und paarungsbereit sind. Zu Beginn der Brunft blatte ich immer etwas verhalten mit gedämpftem Fieplaut, einem Kommunikationslaut, der ganzjährig vom Rehwild geäußert wird. Er kann den jetzt noch sensiblen Bock vielleicht schon zum Zustehen bringen.

Wann und wie blatten?

Um den Monatswechsel Juli/August werden die meisten Ricken beschlagen und die stark beanspruchten Böcke reagieren eher träge. Unsere beste Zeit kommt etwa ab dem 3. August. Die Böcke, bereit zu neuen „Taten“, springen nun am leichtesten aufs Blatt. Habe ich meinen Blattstand eingenommen, verhalte ich mich einige Minuten ruhig und beobachte die Umgebung. Ich beginne mit zwei Serien von Fieplauten mit drei bis sieben Tönen. Zwischen den beiden Serien halte ich eine kurze Pause. Je später in der Brunft, desto eher lasse ich die beiden Serien mit Fieplauten gänzlich

Rehbock
Foto: Jürgen Weber

weg und beginne direkt mit zwei bis drei Serien „Piah-Lauten (wiederum drei bis sieben pro Serie). Mit diesem weit hörbaren Laut ruft die Ricke den Bock und signalisiert, dass sie paarungsbereit ist. Nach einer kurzen Pause folgt nun der „Sprengfiep“ der vom Bock getriebenen Ricke. Auch hier werden zwei bis drei Serien wiederholt. Ist der Platzbock bis dahin noch nicht erschienen, um zukontrollieren, welcher Nebenbuhler seine Ricken bedrängt, setze ich das „Geschrei“ ein. Hiermit imitiere ich eine stark bedrängte Ricke. Das Geschrei als letztes Mittel bringe ich nur einmal und bleibe danach noch mindestens 20 Minuten auf meinem Blattstand. Hier zahlt sich die Geduld aus. Viele Jäger bleiben einfach zu kurz und ungeduldig auf ihrem Stand und „verblatten“ somit den Platzbock. Was tun, wenn der Galan fest bei einer brunftigen Ricke steht? Wenn ich einen passenden treibenden Bock auf größere Entfernung sehe, bringe ich mich in Schussposition und stoße den Kitzfiep aus. Ein anschließendes „Kitz-Angstgeschrei“ wird im Normalfall die Ricke, besorgt um ihr Kitz, zum Zustehen bringen. „Im Schlepptau“ folgt der liebestolle Bock. Zur besten Zeit, so zwischen dem 3. und 10. August, sollte man nicht zu zaghaft sein. Schon Jagd-freund und Blattprofi Klaus Demmel bestätigt, dass man einen Bock kaum durch „falsche Töne“ verblatten kann. Dies passiert eher durch falsches Verhalten des Jägers wie zum Beispiel Ungeduld, Nichtbeachten des Windes oder sonstiger Fehler, die den zustehenden-Bock die Nähe des Menschen spüren lassen. Erfolgreiche Blattjäger verstehen es, sich in die jeweilige Situation hineinzudenken und quasi Teil des „Schauspiels“ zu werden. Selbstverständlich gehört auch eine ordentliche Portion Übung dazu. Auch der versierte Profi übt seine Fieplaute jedes Jahr vor der Brunft. Unterstützend empfiehlt es sich, die richtigen Laute und Serien auf einer CD anzuhören und nachzuahmen. Optimal ist es, sich von einem Profi einweisen zu lassen wie beispielsweise bei den unterschiedlichen Blattjagdseminaren.

Tageszeit und Wetter

Zum Schluss bleibt noch die Wahl der richtigen Tageszeit. Insbesondere bei warmem, sonnigem Wetter versprechen die zeitigen Morgenstunden und die späten Nachmittags- und Abendstunden gute Erfolge. Bei Vollmondphasen verlagert sich die Brunft gern in die Nacht. Hier gilt das Motto: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ So sitze ich bei Einsetzen des Büchsenlichtes in meinem Blattstand. Bei regnerischem oder Nieselwetter sind die Rehe gerne ganztägig in Bewegung. Gänzlich ungeeignet ist stark windiges und stürmisches Wetter. Kurze, aber kräftige Gewitter an schwülen Tagen sollten unbedingt genutzt werden. Sobald sich Blitz, Donner und Regen verzogen haben, muss man vor Ort sein: Jetzt ist alles Wild auf den Läufen. Weidmannsheil!

Blattjagd-Tipps vom Profi

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