Blaser R 8 – Extremer Belastungstest

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Druck ohne Ende: Obwohl die R 93 aus dem Hause Blaser ein weltweiter Verkaufsschlager war, trauen manche Jäger dem Verschluss nicht. Das veranlasste die Konstrukteure aus Isny bei dem Nachfolgemodell R 8 einen Extremtest bei der DEVA in Auftrag zu geben. Die DJZ nahm Einblick in den Untersuchungsbericht.

Von Frank Rakow

 

Blaser Test 5
Das war auch für die Hülse zuviel. Risse im massiven Bodenteil (Pfeil) neben Fließerscheinungen und Weitungen von Zündglocke und Zündkanal
Jede Schusswaffe muss vor ihrer Auslieferung von einem Beschussamt auf ihre Haltbarkeit überprüft werden. Um alle Risiken auszuschließen, werden dabei Patronen verwandt, die etwa um ein Drittel über dem höchstzulässigen Gebrauchsgasdruck des jeweiligen Kalibers liegen. Bei Büchsenpatronen bewegt sich das im Bereich zwischen 4.000 und 5.000 bar.
 
Doch die Blaser-Leute wollten bei der Entwicklung der R 8, dem Nachfolgemodell der R 93, mehr. Und deshalb erteilten sie der Deutschen Versuchs- und Prüfanstalt für Jagd- und Sportwaffen (DEVA) den Auftrag, mit Überdruckpatronen das Repetiersystem der R 8 bis an die technisch machbaren Grenzen zu belasten, also Druck ohne Ende.
 
Diese Aufgabe brachte auch die DEVA-Ingenieure erstmal an ihre Grenzen. Die vorhandenen Messeinrichtungen reichten für einen solchen Extrem-Test nicht aus, das vorhandene Gasdruckmessgerät war „nur“ bis 6.000 bar kalibriert. Hochdruckquarze versprachen zuverlässige Werte bis 10.000 bar. Aber es sollte noch weiter gehen. Nach intensiven Recherchen stieß man schließlich auf den Hochdruckaufnehmer der Hottinger Baldwin Messtechnik (HBM). Er ist in der Lage, Drücke bis 15.000 bar aufzuzeichnen.
 

Versuchsaufbau

 

Foto Blaser Test
Gewaltiges Mündungsfeuer: Mit einer Hochgeschwindigkeitskamera wurde das Verhalten der Waffe im Schuss dokumentiert (Foto: Blaser)
Jetzt konnte es konkret losgehen. Es wurden Messläufe aus hochfestem Stahl geordert. Um Fließprozessen des Hülsenmaterials so lang wie möglich entgegenzuwirken, durften diese keine weiteren Aussparungen im Umfeld des Patronenlagers haben, wie z. B. eine Ausziehernut. Die abgefeuerte Hülse musste deshalb immer mit einem Dorn von der Mündung her entfernt werden. Wie sich herausstellte, waren die Drücke für den Stoßbodeneinsatz und den Schlagbolzen des Munitionsprüfgerätes zu groß. Es mussten konstruktive Änderungen vorgenommen werden, damit sich das Zündhütchen nicht in die Anlagefläche einpressen konnte. Ein Zwischenstück mit zusätzlichem Schlagbolzen deckte nicht nur den Stoßboden besser ab, es sorgte auch dafür, dass während der gesamten Versuche die Anlage keinen weiteren Schaden nahm. Die Auslösung erfolgte durch eine Reißleine am Abzug aus dem Nachbarraum. Für die Ermittlung der Laborierungsdaten wurden RWS-Beschusshülsen im Kaliber .375 H & H gewählt. Sie sind etwas widerstandsfähiger als Normalhülsen und besitzen ein großes Hülsenvolumen. Es wurden jeweils 5 Patronen für die jeweiligen Druckbereiche hergestellt: Von 5.200 bar über 8.500, 10.000, 11.200, 12.600, 13.400 bis hin zu unglaublichen 14.400 bar.
 
Um nach einer möglichen Waffensprengung beim Einsatz in der R 8 alle Teile des Repetiersystems aufzufinden und Beschädigungen der Raumschießanlage vorzubeugen, wurde ein Splitterschutz aus Fichtenholz mit einer Stärke von 45 mm gebaut (siehe Foto). Und so präsentierte sich die R 8 nach den Versuchen: 5 200 bar: Verschluss: zu, lässt sich normal öffnen; Spannschieber:
gespannt; Zündhütchen: geringe Anzeichen erhöhten Gasdrucks.
 
 

 

6.500 bar: Verschluss: zu, durch leichte Schläge mit dem Handballen zu öffnen; Spannschieber: gespannt; Zündhütchen: geringe Anzeichen erhöhten Gasdrucks; Hülse: Bearbeitungsspuren des Patronenlagers im hinteren Bereich.
8.500 bar: Verschluss: zu, durch Schläge mit Schonhammer zu öffnen; Spannschieber: gespannt; Zündhütchen: lose, Anzeichen überhöhten Gasdrucks; Hülse: fest im Patronenlager, mit Stab von vorn entfernt, Bearbeitungsspuren des Patronenlagers im hinteren Bereich.
10.000 bar: Verschluss: zu, nur durch harte Schläge mit Schonhammer zu öffnen; Spannschieber: gespannt; Zündhütchen: lose, Zeichen überhöhten Gasdrucks; Hülse: Fest im Patronenlager, mit Stab von vorn entfernt, Bearbeitungsspuren des Patronenlagers im hinteren Bereich.
11.200 bar: Verschluss: zu, nur durch harte Schläge mit Schonhammer zu öffnen; Spannschieber: gespannt; Zündhütchen: lose, Zündglocke deutlich geweitet; Hülse: Fest im Patronenlager, mit Stab von vorn entfernt, zunehmendes Fließverhalten des Messings. Lauf: Dehnung im Bereich des Patronenlagers um 2/100 mm.
12.600 bar: Verschluss: zu, erst nach Bearbeitung mit Maschinen zu öffnen; Spannschieber: entspannt; Zündhütchen und Hülse: keine Aussagen, da beim Aufschneiden des Laufes zu stark beschädigt. Lauf: Dehnung im Bereich des Patronenlagers um 9/100 mm.
13.400 bar: Verschluss: zu, erst nach Bearbeitung mit Maschinen zu öffnen; Spannschieber: gespannt; Zündhütchen: Erhebliche Weitung von Zündglocke (7 mm) und Zündkanal (3,5 mm); Hülse: „fließt“ in die Aussparungen am Verschluss; Lauf: Dehnung im Bereich des Patronenlagers um 11/100 mm.
14.400 bar: Verschluss: zu, erst nach Bearbeitung mit Maschinen zu öffnen; Spannschieber: gespannt; Zündhütchen: Erhebliche Weitung von Zündglocke und Zündkanal; Hülse: Neben Fließerscheinungen auch Risse im massiven Bodenteil; Lauf: Dehnung im Bereich des Patronenlagers um 4/100 mm.
 
 

 

Blaser Test 1
Aufgefräst nach Beschuss mit 14.400 bar. Die Verschlusslamellen (blauer Pfeil) werden zuverlässig durch die im Inneren des Verschlusses gelagerte Hülse (rote Pfeile) unterstützt
 

 

Blaser Test 8
Aufgefräster Verschluss nach Versuch mit 13.400 bar. Die Hülse (oben) versucht, in die Aussparungen zu „fließen“, Zündglocke und Zündkanal sind beträchtlich geweitet. (Fotos: DEVA)
 

 

Blaser Test 7
Auch bei einem Verdämmungsbeschuss hielt der Verschluss, aber nicht der Lauf
Zusätzlich wurden zwei Verdämmungsbeschüsse mit 5.200 bar vorgenommen. Dazu wurde ein Geschoss im Lauf als Hindernis platziert: Einmal 150 mm vom Stoßboden, in einem zweiten Versuch 60 mm von der Mündung entfernt. In beiden Fällen trieb das gezündete Geschoss das im Lauf befindliche mit hinaus. Der Verschluss hielt und konnte danach problemlos geöffnet werden. Die Hülsen wiesen Spuren überhöhten Gasdrucks auf, das Zündhütchen war deutlich strapaziert. Während bei 150 mm der 22 mm starke Lauf im Bereich des platzierten Geschosses deutlich gedehnt wurde, führte das beim
Fremdkörper 60 mm vor der Mündung zu einer birnenförmigen Aufweitung.
 
 

Kommentar

 

Schonungslos stieß die DEVA im Auftrag der Firma Blaser in Druckbereiche vor, die bis zum 5-fachen der normalen Schussbelastung betragen. Das Wichtigste: Der R 8-Verschluss hielt, keine Gefahr für den Steuermann. Jeder Waffenbesitzer wird sich fragen, wie sieht es eigentlich mit meiner Büchse oder Kombinierten aus? Es wäre eine feine Sache, wenn auch die Hersteller anderer Systeme so einen Belastungstest an neutraler Stelle vornehmen ließen. Er muss ja nicht gleich bis in den fünfstelligen Druckbereich gehen. Konstruktionsbedingte Schwachstellen oder Materialfehler würden so gnadenlos aufgedeckt. Damit der Schuss für den Kunden nicht nach hinten losgeht.
Frank Rakow
 


 

 
 
 
 


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