Orientierungslos – Widergänge bei der Nachsuche

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Orientierungslos: Widergänge bei der Nachsuche (Foto: Karl-Heinz Volkmar)

Wie verhält sich ein Rüdemann, wenn sein Hund die Fährte wegen eines Widergangs nicht halten kann? Und woran erkennt er, dass es sich um einen Widergang handelt? Von Hubertus Schröder

Beim Thema Nachsuche gehören Widergänge zum natürlichen Verhaltensrepertoire des Wildes. Hiervon kann man sich bei einer Neuen überzeugen. Selbst beim Mümmelmann ist das zu beobachten, wenn er abends lange an der Waldkante sichert. Oft aus uns unerfindlichen Gründen hoppelt er zurück und sucht sich einen anderen Pass, um ins Feld zu rücken.

Auch bei den Sauen hat es wohl jeder Jäger schon erlebt, dass sich eine Rotte durch beträchtliche Geräuschentwicklung ankündigt. Wartet man noch lange später mit klopfendem Herzen auf das Austreten, sind die schwarzen Gesellen längst zurück im übernächsten Jagen.

Ausgeprägt ist die Neigung zum Zurückwechseln auf der eigenen Fährte beim Rotwild, insbesondere im Hirschrudel. Der alte Hirsch am Schluss kann den führenden Junghirsch ja nicht durch Zuruf in eine ihm genehme Richtung lenken. Er folgt ihm nur so lange, wie ihm die Richtung passt. So steht die Jugend oft schon im Wildacker und füllt sich den Pansen bei gutem Büchsenlicht. Der Senior aber, vermenschlicht ausgedrückt, schüttelt nur müde sein graues Haupt über die jugendliche Unvernunft. Er zieht zurück und sucht sich seinen eigenen sicheren Weg.

Sorgfältiges Einweisen durch den Schützen steht am Beginn jeder Nachsuche (Foto: Martin Otto)

Widergang auf der Wundfährte

Den klassischen Widergang findet man auf der Wundfährte. Das kranke Stück wendet und zieht in der eigenen Fährte auf etwa Schrotschussentfernung zurück. Die Strecke, die in der eigenen Hinfährte zurückgelegt wird, kann aber auch erheblich länger sein. Mit dem „Absprung“ verlässt es die ursprüngliche Richtung, um eine neue einzuschlagen. Über die Länge des Absprungs hört man geradezu Märchenhaftes: Ein wirklich krankes Stück ist nicht zu gewaltigen Sätzen in der Lage, da es durch die Schussverletzung zu stark geschwächt ist.

Der Widergang erfolgt instinktiv, es ist keine vorausschauend geplante Handlung des Wildes. Sie ist jedoch sinnvoll, verwirrt sie doch oft genug den verfolgenden Feind, sei es Wolf oder Hund. Prima verfolgen kann der Jäger den Ablauf, wenn die Wundfährte auf einer Neuen liegt. Unter diesen idealen Verhältnissen bereiten dem Jäger auch Widergänge keinerlei Probleme. Hier beobachtet man dann auch öfter, dass der Wechsel der Fluchtrichtung ohne den berühmten Absprung erfolgt. Das Stück folgt nach dem Widersprung einfach einem neuen Wechsel. Schwieriger wird es bei alter Schneelage oder aber ohne Schnee. Gerade hat der brave Hund noch Schweiß verwiesen, plötzlich wird der Schweißriemen schlaff. Der Hund faselt für uns ohne Grund, bögelt und sucht schließlich auf der eigenen Spur zurück.

Er hat eine künstliche Schweißfährte mit einem Widergang gelegt und übt nun mit seinem Hund (Foto: Julia Kauer)

Es wäre völlig verkehrt, ihn nun abzutragen und beim letzten Schweiß neu anzusetzen. Bleiben wir also ruhig stehen und lassen ihn arbeiten. Eventuell nachfolgende Personen müssen sich ebenfalls absolut ruhig verhalten. Deshalb dürfen sie dem Gespann nie zu dicht folgen, immer gerade auf Sichtweite, um den Anschluss nicht zu verlieren. Widergänge häufen sich meist in Dickungen, wenn diese von lichten Althölzern oder Freiflächen umgeben sind. Das kranke Stück meidet sie nach Möglichkeit und zieht in der Deckung immer wieder hin und her. Hat man einwandfrei das gesuchte Stück direkt vor sich, schnallt man den Hund.

Widergänge auf der Übernachtfährte

Bei einer Übernachtfährte kann der beste Hund das Gewirr oftmals nicht mehr lösen, insbesondere, wenn sich zahlreiche Verleitfährten finden. Gerade bei Rehen ist dies häufig der Fall, da es seinen vertrauten Lebensbereich praktisch nicht verlässt. Man findet überall Schweiß, der ermüdete Hund schafft es einfach nicht, den Gordischen Knoten zu lösen. Also umschlägt man nach einer Ruhepause die Dickung und lässt den Hund vorsuchen. Hat das Stück die Dickung verlassen, wird der Hund die Fährte anfallen. Dann geht es weiter.

Vielfach erfolgt ein Widergang, bevor das Stück ins Wundbett geht. Nach dem Absprung findet man in dem Fall häufig frische Losung, in den Lehrbüchern „dampft“ sie noch. Bei Schwarzwild kann man bisweilen beobachten, dass es die Bodendecke mit dem Wurf aufwirft. Auch dieses ist eine instinktive Handlung, nämlich um einen Kessel anzulegen. Jetzt ist äußerste Konzentration angesagt: Jeden Moment kann das kranke Stück hochwerden und flüchten. Häufig genug nicht direkt vor dem Rüdemann, sondern seitlich versetzt.

Trotz zweier Widergänge, die das Stück Damwild machte, steht am Ende der Suchenerfolg (Foto: Michael Breuer)

Gern schlägt es einen U-förmigen Bogen, bevor es sich niedertut bzw. einschiebt – auch eine Art Widergang, wenn auch nicht in der eigenen Fährte. Diese ebenfalls instinktive Maßnahme ist sinnvoll, weil das kranke Stück so Verfolger frühzeitig bemerkt und unentdeckt ausweichen kann. Bei Schwarzwild kann aus dieser  Position ebenso ein Angriff auf das Nachsuchengespann erfolgen. Auch wenn dies sicher die Ausnahme ist, muss man stets damit rechnen. Auf jeden Fall wird man versuchen, einen tödlichen Fangschuss anzubringen, bevor es zu einer Hetze kommt. Denn deren Ausgang ist stets ungewiss, insbesondere wenn schon das Büchsenlicht schwindet.

Wann ist mit Widergängen zu rechnen?

Hat der Hund Probleme, die Schweißfährte voranzubringen, muss man stets mit einem Widergang rechnen. Schafft der vierläufige Begleiter es alleine nicht, die Fährte durch Bogenschlagen wiederzufinden, trägt man ihn ab. Entweder setzt der Rüdemann ihn erneut wieder an, indem er auf der Fährte 200–300 Meter bis zu einem Punkt zurückgreift, wo sicher Schweiß gefunden worden war. Oder der Hundeführer schlägt vom Endpunkt Bögen mit immer größerem Durchmesser, bis der Hund die Wundfährte erneut anzeigt und anfällt.

Widergänge sind stets eine ganz besondere Herausforderung für Hund sowie Führer, die sich aber in aller Regel mit der nötigen Ruhe und Erfahrung meistern lässt.

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