Abgeschmiert: Ölschuss

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Die DJZ ist mit verschiedenen Waffen der Sache mit dem Ölschuss auf den Grund gegangen.

Von Norbert Klups

Öl in Lauf und Patronenlager?

Gehört hat davon wohl jeder schon einmal, und in vielen Büchern wird davon berichtet: Ölschuss. Öl in der Laufbohrung soll den Reibungswiderstand des Geschosses im Lauf verändern, was eine Änderung der Laufschwingungen und des Abgangswinkels des Geschosses zur Folge hat. Dadurch ändert sich die Treffpunktlage.

Das scheint einleuchtend zu sein. Aber um wieviel ändert sich die Treffpunktlage und in welche Richtung, reagiert hier jede Waffe gleich, ist etwa Kaliber oder Konstruktion ausschlaggebend und spielt die Menge des Öls eine Rolle ? Eine Menge Fragen, aber nirgendwo Antworten.

Um wenigstens etwas Gewißheit zu bekommen, wurden praktische Versuche mit einigen Büchsenkonstruktionen auf dem Schießstand unternommen. Alle Möglichkeiten zu erfassen, ist fast unmöglich und würde einen riesigen Zeitaufwand bedeuten. Schließlich gibt es eine Menge Waffenarten, von der Blockbüchse über verschiedene Kipplaufwaffen, Repetierer bis hin zur Selbstladewaffe. Allein bei den Repetierbüchsen sind die unterschiedlichsten Konstruktionen vom normalen Verschluß mit einer Verriegelung mittels Warzen im Hülsenkopf, bis hin zu Sonderkonstruktionen à la Blaser R 93, Heym SR 30, Mauser 66, Kepplinger Kaiserbüchse oder Sauer 90, um nur einige zu nennen, im Umlauf. Sie alle können unterschiedlich auf Öl im Lauf reagieren. Dazu kämen noch unterschiedliche Laufdicken, Feld-/Zug-Profile oder Polygonläufe die ebenfalls einen Einfluß haben können. Außerdem kann noch das Kaliber eine Rolle spielen. Eine schnelle, kleinkalibrige Patrone kann durchaus anders reagieren als ein langsames schweres Geschoß einer Großwildlaborierung.

Zum guten Schluß wären da noch die verschiedenen Geschoßkonstruktionen, vom Tombakmantel über Konstruktionen mit Kupfer oder Flußeisenmantel bis hin zum Solid und der neuen Generation der beschichteten Geschosse. Das läßt sich alles miteinander kombinieren und würde mehrere Tausend Variationen erlauben, wollte man alles berücksichtigen.

Die Kandidaten

Um einen einigermaßen repräsentativen Querschnitt zu erhalten, wurden sechs Waffen ausgewählt. Es handelt sich dabei um einen Repetierer der Firma Sako im Kaliber 7 mm Remington Magnum, einen Repetierer System 98er im Kaliber 9, einen Repetierer Steyr Mannlicher Kaliber .300 Winchester Magnum, eine Selbstladebüchse Ruger Mini 14 Kaliber .223 Remington, eine Blaser Kipplaufbüchse K 77 Kaliber 6 und einen Drilling Krieghoff Neptun Primus Kaliber 7×65 R.

Damit handelt es sich, sieht man von der Selbstladebüchse einmal ab, nicht nur um gebräuchliche Jagdwaffen, sondern es sind auch die unterschiedlichsten Konstruktionen und Kaliber vertreten.

Die Sako und die 98er Büchse verriegeln beide im Hülsenkopf und sollen zeigen, ob sich ein schnelles kleines Kaliber anders verhält als ein großes mit langsamen Geschossen. Die Steyr-Büchse verriegelt in der hinteren Hülsenbrücke, und die beiden Kipplaufwaffen mit Randpatronen sollen aufzeigen, ob sich hier Unterschiede zu den anderen Modellen zeigen. Die Selbstladebüchse ist eine ganz eigene Konstruktion mit Drehriegelverschluß, der von den anderen Testwaffen völlig abweicht.

Alle eingesetzten Waffen verfügen über eine ausgezeichnete Schußleistung und erbringen aus dem Schießgestell geschossen Streukreise von unter 30 Millimetern auf 100 Meter. Ausnahme ist die Ruger, die auch mit handgeladener Munition nicht unter 50 Millimeter zu bringen ist. Dieser Waffentyp ist aber für seine nicht sonderlich gute Präzision bekannt. Ölschüsse, die sich von der Gruppe absetzen, sollten aber auch hier gut auszumachen sein. Es wurden nur Patronen mit Tombakgeschossen benutzt.

Versuchsaufbau

Einfach den Lauf einzuölen und zu schießen, wäre wenig praxisgerecht, denn das macht wohl kaum jemand. Vielmehr ist nur ein Hauch von Öl vorhanden, der aus dem nach dem Putzen eingebrachten Ölfilm besteht. Oft wird auch vor der Fahrt ins Revier der Lauf noch einmal trocken durchgezogen, in der Hoffnung, jetzt alles Öl entfernt zu haben. Das ist aber, wenn kein Entfetter benutzt wird, so gut wie unmöglich.

Neben dem Öl im Lauf, kann auch Öl im Patronenlager Folgen haben. Das wird oft vergessen und lediglich der Lauf trocken durchgewischt. Aus diesen Überlegungen ergab sich folgender Versuchsaufbau:

 

  • 1. Lauf nach dem Reinigen leicht eingeölt
  • 2. Lauf mit Reinigungsfilz vor dem Schuß trocken durchgewischt, um Öl zu entfernen
  • 3. Leichter Ölfilm nur im Patronenlager – Lauf trocken
  • 4. Öl im Patronenlager und Öl im Lauf wie bei 1)
  • 5. Öl im Patronenlager und Lauf „trocken“ wie bei 2)

Diese Kombinationen erschienen nach Rücksprache mit verschiedenen Jägern praxisgerecht. Es wären zwar noch weitere Möglichkeiten denkbar, aber schon um diese fünf Serien mit allen sechs Waffen zu schießen, waren etliche „Schießstandsitzungen“ notwendig.

Zunächst wurde die Treffpunktlage der Waffe mit trockenem Lauf und trockenem Patronenlager mit fünf Schuß auf der Scheibe bestimmt. Als Ziel dienten Brenneke Anschußscheiben. Dann wurden die verschiedenen Versuchsschüsse mit den zuvor entsprechend präparierten Waffen abgegeben und entsprechend markiert. Um die Konstanz und eine etwaige Gesetzmäßigkeit zu ermitteln, wurde zunächst ein Schuß abgegeben und am Tag darauf nochmals zwei Schüsse. Die Ergebnisse sind in der Tabelle dargestellt. Die Fotos der Anschußscheiben wurden nach dem ersten Versuchstag aufgenommen und zeigen daher nur einen Ölschuß.

Die Ergebnisse

Bezogen auf die Testwaffen und die eingesetzte Munition lassen sich folgende Schlüsse aus dem praktischen Versuch ziehen (siehe auch Tabelle):

 

  • Wird die Treffpunktlage durch Öl im Lauf, aber trockenem Patronenlager beeinflußt, ergibt sich ein Hochschuß, und manchmal zusätzlich eine mehr oder minder starke Rechtsabweichung.
  • Die wenigsten Probleme von den eingesetzten Waffen hat die 98er Büchse im Kaliber 9,3×62. Die Abweichungen würden in der Schützenstreuung untergehen, wenn nicht wie beim Test aus einem Schießgestell geschossen wird.
  • Das rasante Kaliber 7 mm Remington Magnum aus der ebenfalls vorn verriegelnden Sako reagiert viel empfindlicher.
  • Noch größere Abweichungen sind bei dem in der hinteren Hülsenbrücke verriegelnden Steyr Mannlicher zu registrieren. In Kombination mit der schnellen .300 Winchester Magnum zeigt sich hier eine starke Änderung der Treffpunktlage.
  • Die beiden Kipplaufwaffen sind relativ problemlos und in etwa mit den 98er Repetierern zu vergleichen. Selbst die schnelle 6,5×65 R weicht, verschossen aus der Blaser K 77, kaum ab.
  • Die Selbstladebüchse reagiert wie die Steyr empfindlich und dazu noch sehr unberechenbar.

Die Menge des Öls im Lauf spielt aber nicht so eine große Rolle wie meist angenommen. Die Abweichung wird ohne nachträgliches Trockenwischen zwar etwas größer, aber längst nicht proportional.

Öl im Patronenlager

Öl im Patronenlager sorgt für noch größere Abweichungen als ein eingeölter Lauf. Dies ist eigentlich das interessanteste Ergebnis des Tests. Besonders die Steyr und die Ruger reagieren hier sehr stark, doch auch die anderen Modelle zeigen deutliche Abweichungen.

Ähnliche Ergebnisse wurden vor einigen Jahren auch schon in Finnland beim staatlichen Beschußamt ermittelt. Versuche in dieser Richtung ergaben, daß Öl im Patronenlager eine höhere Verschlußbelastung verursacht als eine Beschußpatrone.

Durch die Fettung der Kammer wird die Liderung der Hülse fast völlig aufgehoben. Zusätzliches Öl im Lauf macht dann auch nicht mehr viel aus, wie die fünfte Versuchsreihe zeigte.

Öl im Patronenlager ändert also nicht nur die Treffpunktlage, sondern ist auch nicht gerade förderlich für die Lebensdauer der Waffe. Besonders Kipplaufwaffen sind hier sehr empfindlich.

Da jede Waffe ein Individuum ist, können hier natürlich keine verbindlichen Aussagen gemacht werden. Die Tatsache, daß aber ausnahmslos alle Testwaffen auf Öl zumindest im Patronenlager reagieren, zeigt, daß der Ölschuß tatsächlich existiert. Es wird allerdings Waffen geben, deren Treffpunktlage sich durch Öl im Lauf nicht meßbar ändert. Im Gegensatz dazu wird es aber auch Waffen geben, die noch mehr abweichen.

Festzustellen, wie die eigene Waffe reagiert, macht bestimmt keine große Mühe und zeigt, welche Aufmerksamkeit dem Zustand des Laufes geschenkt werden muß. Schließlich kann der Jagderfolg davon abhängen, ob der Schütze weiß, ob er seinen Lauf vor dem Jagdeinsatz peinlich genau entölen muß oder seine Büchse mit einem leichten, schützenden Ölfilm führen kann.

Auf keinen Fall darf sich jedoch Öl im Patronenlager befinden. Selbst wenn sich bei einer Waffe dadurch keine Änderung der Treffpunktlage einstellen sollte, wird dadurch eine erheblich höhere Verschlußbelastung verursacht. Das Patronenlager muß nach dem Laufreinigen unbedingt trockengewischt werden. Dafür gibt es spezielle Patronenlagerreiniger, die diese Arbeit sehr einfach machen.

Noch besser ist es, wenn die Reinigungsbürste erst gar keinen Kontakt mit dem Patronenlager bekommt. Dazu wird beim Reinigen ein sogenanntes „falsches Schloß“ benutzt. Es wird an Stelle der Kammer in den Verschluß der Repetierbüchse eingesetzt.

Die Laufreinigung erfolgt durch dieses hohle Kunststoffteil, und die Bürste oder der Reinigungsfilz kann das Patronenlager nicht berühren. Dies hat noch den zusätzlichen Vorteil, daß die Bürste immer zentrisch durch den Übergangskegel geführt wird und hier keine Beschädigungen auftreten können. Bei ernsthaften Sportschützen ist der Einsatz eines falschen Schlosses längst die Regel. Auch der Jäger sollte sich solcher sinnvoller Hilfsmittel bedienen.

Für eine Kipplaufwaffe läßt sich übrigens eine solche „Putzstockführung“, die das Patronenlager vor Öl schützt, ganz leicht selbst herstellen. Es muß nur der Boden einer Patronenhülse im Durchmesser des Putzstockes durchbohrt werden. Beim Reinigen die so hergerichtete Patronenhülse einfach in das Lager stecken und das Patronenlager bleibt trocken.

Wer eine Waffe mit Mag-na-port führt, muß auch bei der äußeren Waffenpflege vorsichtig sein. Durch die Schlitze in der Laufwandung kann leicht Öl in den Lauf gelangen, wenn der Lauf von außen mit der Sprühdose eingeölt wird.

Richtiges Waffenreinigen erhält nicht nur die Präzision und erhöht die Lebensdauer, sondern kann auch über den Jagderfolg entscheiden. Waffenpflege muß sein, um die Präzision zu erhalten, doch Öl muß sinnvoll eingesetzt werden. An der falschen Stelle kann es auch schaden.Foto: Wink Studios

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Beim Waffenreinigen sollte ein „falsches Schloß“ als Putzstockführung eingesetzt werden, um zu verhindern, daß Öl ins Patronenlager kommt.

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Ölschuß Steyr Ölschuß Krieghoff Drilling