Universalgläser – was ist praxisgerecht?

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Schmidt&Bender
Sehr lichtstark: Schmidt&Bender Zielfernrohr 2,5-10×56.

Brillante Optik

Die Optik entscheidet darüber, was man sieht. Sie sollte eine hohe Lichttransmission für Tag und Nacht (unterschiedliche Messungen) haben. Spitzenwerte liegen heute bei deutlich über 90 Prozent für das gesamte System bei beiden Werten. Ein Wert von um die 90 Prozent sollte erreicht werden.

Swarovski und Zeiss garantieren ihn bei vielen Modellen. Jedoch sollten Kontrast und Lichttransmission in Einklang zueinander stehen. Hohe Lichttransmission ohne guten, klaren Kontrast nützt bei geringem Licht gar nichts.

Ein hoher Kontrast ist unbedingt erforderlich. Schließlich will man die Sau vor der dunklen Dickung klar erkennen. Die Optik sollte zudem noch gestochen scharf mit hoher Randschärfe abbilden und einen ausreichenden Dioptrienausgleich (vor allem in den Minusbereich hinein für die Dämmerung und Nacht) aufweisen.

Das Bild soll hell, farbtreu und möglichst randscharf sein. Es soll eine gleichbleibende, brillante Abbildungsqualität über den gesamten Vergrößerungsbereich aufweisen. Erkennbaren Abfall in der Bildqualität sollte es bei Vergrößerungswechsel nicht geben. Es darf keine Schattierungen, weiße Halbmonde oder Farbringe aufweisen.

Ganz schlimm sind Reflexe, die vor allem durch ein mangelhaftes Innenrohr entstehen. Ein Tunneleffekt sollte bei Vergrößerungswechsel nicht auftreten.

Leuchtabsehen müssen fein dimmbar sein und dürfen keinesfalls überstrahlen. Bei Leuchtabsehen für Tag- und Nachteinsatz müssen zwei Leuchtstufenbereiche vorhanden und dimmbar sein (z. B. Zeiss Varipoint 1,5-6×42 oder 2,5-10×50).

Das Sehfeld ist vor allem beim flüchtigen Schuss entscheidend. Ansonsten kommt es auf ein oder zwei Meter Unterschied nicht an.

Die Mehrschichtvergütung an allen Glas-/Luftflächen sollte an den Außenflächen von Objektiv und Okular kratz- und abriebfest sein.

Der Augenabstand wird viel diskutiert. Er wird von Okularlinse zur Augenpupille gemessen. Der Abstand variiert mit der eingestellten Vergrößerung und ist keinesfalls eine einzige Größe. Der Augenabstand (volles Bild sichtbar) kann beispielsweise bei dreifacher Vergrößerung von 47,1 bis 87 Millimeter (Mittel 67 mm) und bei zwölffach von 50,6 bis 83,5 (Mittel 67,1 mm) variieren (gemessen bei Schmidt & Bender Zielfernrohr). Die Herstellerangaben beziehen sich immer auf maximale Werte.

Oft wird hier viel gelogen (es gibt noch keine DIN-Norm, nur einen Messvorschlag). Ich meine, acht Zentimeter sind bei korrekter Schäftung völlig ausreichend. Selbst auf meiner .450 Dakota reichen mir acht Zentimeter aus.

Bei starken Kalibern sind rund neun bis zehn Zentimeter wünschenswert. Man muss aber bedenken, dass mit größerem Augenabstand das Sehfeld kleiner wird.

Natürlich sind Gewicht und Baulänge ebenfalls entscheidende Faktoren. Je kürzer desto besser. Die Stabilität wird erhöht, und man stößt seltener an. Zwar kommt es nicht auf jedes Gramm an, doch sollte ein Zielfernrohr möglichst leicht sein. Das belastet auch die Montage weniger. Stahlrohre benötigt man heute nicht mehr.

Noch ein Wort zu Bushnells Rainguard Beschichtung. Sie lässt Nebel und Regentropfen perlen, so dass sie schnell abtropfen. Dadurch wird ein Beschlagen größtmöglich verhindert. Nach meinen Erfahrungen ist der Nutzen in der Praxis gering. Bei starkem Regen nutzt auch diese Ausrüstung nichts mehr.

Bliebe noch die Montagefreundlichkeit zu erwähnen. Ob mit oder ohne Schiene, entscheidet meist die Waffenart. Eine Montage an der Zielfernrohrschiene belastet das Zielfernrohr viel weniger. Ideal ist die Zeiss Innenschiene, die eine schnelle, problemlose Montage ohne Bohren erlaubt. Der Jäger kann das Zielfernrohr im Abstand selbst verstellen. Die Schiene erhöht außerdem die Stabilität.

Zeiss Varipoint
Beim Zeiss Varipoint leigt das Absehen in der Okularbildebene.

 


 

Die Vergrößerung

Mein erstes Zielfernrohr war ein Redfield 6-18×42, mit dem ich viel Rehwild und Füchse jagte. Bei gutem Licht habe ich fast ausschließlich mit 18-facher Vergrößerung geschossen. Zwar ein Extrem, aber man konnte ganz genau den Haltepunkt wählen und erkannte auch, ob man zu stark wackelte. Mit großen Vergrößerungen kann man auch sehr schnell das Wild ansprechen und gegebenenfalls erlegen.

Mit zehn oder zwölffacher Vergrößerung erkennt man das Ziel schon ganz ordentlich. Der subjektive Sprung von zwölf- auf 15- oder gar 18-/20-fach ist allerdings enorm.

Aus technischen Gründen ist ein variabler Vergrößerungsbereich in der Regel auf den vierfachen Faktor beschränkt (z. B. 3- bis zwölffach = 3×4 = 12). Der variable Bereich eines Zielfernrohrs wird nach Einsatzzweck und persönlichem Geschmack, sprich auch subjektiver Gewöhnung und Einstellung, bestimmt, daneben von der Leistungsfähigkeit des Schützen. Geübte Schützen bevorzugen viel häufiger hohe Vergrößerungen als ungeübte.

Variable Zielfernrohre sind heute Standard. Sichtbare oder praxisrelevante optische Einbußen gegenüber fixen Modellen sind passé. Fixe Zielfernrohre haben nur noch den Preisvorteil. Für Drückjagden eignen sich vor allem 1,25-4×24 (oder ähnliche Werte) mit Sehfeldern von über 24 Meter (bis 34 Meter) auf 100 Meter.

Mehr universell ist dagegen ein 1,5-6×42, das sich auch für den Ansitz in der Dämmerung eignet. Diese Zielfernrohre sind vor allem für die Waldjagd (Ansitz und Pirsch) ideal. Dank großer Austrittspupille können sie auch gut in der Dämmerung eingesetzt werden. Mit Einbußen eignen sie sich gerade noch für Drückjagden und flüchtigen Schuss.

Wer aber viel nachts oder in sehr später Dämmerung jagt, ist mit größeren Objektiven besser beraten. Für ein Allround-Zielfernrohr muss ferner eine Vergrößerung von mindestens zehnfach empfohlen werden. Vor allem, wenn man außerhalb des Waldes jagt. Ein 2,5-10×50, 3,5-10×50 oder 3-12×50 ist ein wirkliches Allround-Zielfernrohr für Ansitz und Pirsch. Es harmoniert auch mit schlanken, leichten Waffen noch sehr gut. Man kann es für weite Schüsse, aber auch an der Kirrung auf kurze Entfernungen einsetzen. Die Lichtleistung reicht auch für schlechtes Licht aus.

Wer aber sehr viel Schwarzwild bejagt und auch auf das letzte Quentchen Lichtleistung angewiesen ist, dem rate ich zu einem 56er Zielfernrohr wie etwa 2,5-10×56 oder 3-12×56. Die Unterschiede bei schwindendem Licht liegen aber oft nur bei wenigen Minuten, mit denen man mit einem 56er noch Wild erkennen kann. Das größere Objektiv sammelt etwas mehr Licht. An der Kirrung habe ich meist eine Vergrößerung von 5- bis 7-fach eingestellt.

Zur Nachtjagd auf Schwarzwild und Fuchs empfehle ich nur ein Leuchtabsehen (egal ob Punkt oder kleines Fadenkreuz). Man findet den Haltepunkt viel einfacher und schneller, so dass man sich mehr auf das Wild (beispielsweise Bewegungen, Verschiebungen in der Rotte) konzentrieren kann.

Zugegeben, ich bevorzuge hohe Vergrößerungen. Jagdlich sinnvoll ist eine Vergrößerung aber nur bis maximal 20-fach. Ich schätze Zielfernrohre wie 4,5-14×42/50, 5-15×42, 6-18×50 oder 6,5-20×50, vor allem bei der Gebirgsjagd. Aber auch bei der Ansitzjagd auf Rehwild und Füchse bei gutem Büchsenlicht.

Das Absehen sollte bei solchen Zielfernrohren in der 2. Bildebene liegen. Zielfernrohre mit geringem Objektivdurchmesser wie 2-7×36 (32), 3-9×36, 4-12×42, 3-10×42 oder 4,5-14×42 sind ideal für sehr leichte Waffen. Sie eignen sich besonders für die Pirschjagd bei gutem Licht. Sie sind auch ideal, wenn es bei Extremjagden (Gebirge) auf jedes Gramm Gewicht ankommt. Ich verwende sie auch gerne auf Schonzeitwaffen (.22 l. r. bis .22 Hornet). Ein 2-7×32 hat sich als ideales Zielfernrohr für meinen Marlin Unterhebelrepetierer erwiesen, den ich gerne zur Pirsch im Wald führe.

Die Wahl des Zielfernrohrs hängt stark von der damit zu bestückenden Waffe ab und natürlich vom Verwendungszweck. Ist es eine reine Pirschbüchse für die Tagesjagd oder überwiegend eine Ansitzwaffe?

Swarovski
Nullbare Absehen-Verstellung bei Swarovski.

 

 

 

 

 

 

 

Zielfernrohr
Drückjagd-Zielfernrohre haben ein großes Sehfeld (über 30 m/100 m), und der Schütze kann bei niedrigster Vergrößerung beide Augen beim Schießen offen halten. (höchstens 1,25-fach).

Präzisions-Mechanik

Die Optik eines Zielfernrohrs muss mit extrem aufwändiger Mechanik kombiniert werden. Die Mechanik ist für den Erfolg eines Zielfernrohrs entscheidend. Heute üblich sind einteilige Rohre, bei denen das Okular nicht nur aufgeschraubt wurde. Die Aluminiumrohre dürfen nicht zu schwach sein, weil sie raue Behandlung aushalten sollen.

Standard ist heute eine kratzfeste, harteloxierte Oberfläche. Natürlich kann diese auch durch beispielsweise spitze Steine beschädigt werden. Am Okularende sollte sich ein Steilgewinde für die in Europa übliche Dioptrienschnellverstellung befinden.

Eine Klickabsehenverstellung muss millimetergenau arbeiten. Bei den meisten Zielfernrohren arbeitet sie recht ungenau und unzuverlässig. Eine verschleißarme, aufwändige Mechanik ist dazu nötig.

Nullbare Absehen-Verstellungen sind vor allem bei Laborierungswechsel sehr praktisch. Ob man eine quadratische oder rechteckige Absehen-Verstellung hat, ist bei der heutigen präzisen Waffen- und Montagefertigung zweitrangig. Bei der quadratischen Absehen-Verstellung kann man gleichzeitig denselben maximalen Absehen-Verstellweg in Höhe und Seite ausnutzen.

Mir ist eine rechteckige Absehen-Verstellung mit größerer Höhenverstellung lieber. Wer sportlich mal auf sehr weite Entfernungen schießt, kann oft nur mit großem Höhenabsehen-Verstellweg einen Fleckschuss auf sehr große Entfernungen erreichen.

Bei Leuchtabsehen sollte ein Batteriecontainer für eine Ersatzbatterie nicht fehlen. Bei Swarovski ist die Beleuchtungseinheit abnehmbar. Übrigens sind viele Zielfernrohre nur bei aufgesetzter Kappe auf den Absehen-Verstelltürmen wasserdicht.

Gegen Innenbeschlag muss das Zielfernrohr mit Stickstoff gefüllt sein. Wasserdichtheit bis 0,2 oder 0,3 bar (2 bzw. 3 Meter Wassertiefe) ist für ein Jagdzielfernrohr ein Muss. Gerade bei dicken Großwildkalibern muss ein Zielfernrohr schussfest sein. Treffpunktverlagerungen darf es nicht geben. Das heißt, das Innenrohr im Zielfernrohr muss stets in seine Ausgangslage zurückfedern. Das gewährleisten heute alle Qualitätsprodukte.

Bei allen Zielfernrohren mit mehr als zwölffacher Vergrößerung sollte ein Parallaxenausgleich vorhanden sein. Wegen der Dichtheit muss die Verstellung durch Linsenverschiebung im Inneren erfolgen. Für Jagdzwecke ist es zweitrangig, ob die Verstellung am Objektiv oder seitlich gegenüber dem Seitenabsehen-Verstellturm erfolgt. Bei seitlicher Verstellung kann die Parallaxenverstellung allerdings bequem im Anschlag erfolgen.

Parallaxenfehler entstehen zwar nur bei Schiefeinblick (nicht korrekt zentrierter Augenpupille zur Austrittspupille). Bei einem Zielfernrohr 4-12×50 liegen Abweichungen bei extremem Schiefeinblick und Parallaxenfreiheit bei 100 Meter auf 200 Meter bei 2,3, auf 300 Meter bei 4,6 und auf 400 Meter bei 6,9 Zentimeter Abweichung.

Viel wichtiger ist aber, dass bei den hohen Vergrößerungen nur über die Parallaxenverstellung das letzte Quentchen an Schärfe herausgeholt werden kann. Sie ist also für eine genaue und schnelle Scharfjustierung ideal.

Zielfernrohr
 
Leupold
Leupold-Zielfernrohr 6,5-20x50P mit Target-Türmen.

Resümee

In erster Linie entscheidet die Qualität über den Gebrauchswert eines Zielfernrohrs. Die Kenndaten sind ausschlaggebend für den Einsatzzweck. Man muss wissen, wie man mit der Waffe jagt, mit der man das Zielfernrohr ausrüsten möchte.

Die Montage eines Zweitglases ist beispielsweise für Bewegungsjagden oder die Pirsch empfehlenswert. Moderne Schwenkmontagen, Blasers Sattelmontage oder Leupolds Quick Release ermöglichen das bei gleichbleibender Treffpunktlage problemlos.

Aus Labortests und Praxiserfahrungen kann ich sagen, dass Zielfernrohre von Swarovski und Zeiss die Spitzenklasse bilden und bei Mechanik und Optik keine Wünsche offen lassen.

Bei Zielfernrohren mit Absehen in der zweiten Bildebene sind die Swarovski AV’s meines Erachtens ungeschlagen. Modelle von Zeiss (die Conquest-Serie konnte noch nicht getestet werden) und Kahles sind ebenfalls sehr hochwertig.

Von den Spitzenfabrikaten zu den sehr guten Qualitätsfabrikaten besteht natürlich ein Unterschied, der sich auf die Optik und teilweise auf Handling und/oder Mechanik bezieht. In der Praxis spielt es aber oft nur eine geringe Rolle, das letzte Quäntchen an Lichttransmission oder Kontrast zu haben.

Sehr gute Qualität wird unter anderem offeriert von Kahles, Schmidt & Bender, Docter, Leupold (Vari XIII, European-30) und Gerhardt.

Brauchbare Zielfernrohre bei günstigem Preis habe ich bei Leupold (Vari XII), Bushnell Elite 3200 und Microdot (mit Leuchtabsehen) kennengelernt.

Die Mehrzahl aller Zielfernrohre entspricht nicht den hohen Anforderungen, die man in Mitteleuropa bei einem praxisorientierten Zielfernrohr erwartet.

Bei der Zieloptik bestimmt der Preis die Qualität. Deshalb kann es auch kein „billiges“ Zielfernrohr in der Spitzenklasse geben.

Kahles
Kahles Zielfernrohr mit Flugbahn-Kompensator.
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