Was bringt die Rute zum Ausdruck?

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Wie kommuniziert der Jagdhund mit seiner Rute? Was zeigen die Art des Rutewedelns und die Stellung der Rute dem Rüdemann an?

Der Mensch hat die Sprache. Auch komplexe Themen lassen sich bis ins letzte Detail klären. Kommunikation auf höchstem Niveau. Anders ist es bei Tieren. Sie verfügen über bloß wenige und einfache Laute, die nur eine bescheidene Kommunikation erlauben. Meist sind es Kontakt-, Droh- oder Ruflaute.Tiere, die in einem sozialen Verband leben, verständigen sich darüber hinaus mit einem breitgefächerten Spektrum an Körperbewegungen und -stellungen.

(Foto: Michael Migos)

Der Urvater unserer Hunde, der Wolf, verfügt über ein hohes Aggressionspotenzial und muss komplizierte Abläufe wie eine gemeinsame Jagd im Rudel bewältigen.

Hier sind besonders feine Abstimmungen notwendig, wenn die Art überleben will. Ein wichtiges Ausdrucksmittel ist dabei eine Wirbelsäulenverlängerung mit ihren 20–22 Wirbeln, die Rute. Tatsächlich kann die momentane Stimmung und die allgemeine Verfassung des Hundes an der Rute abgelesen werden, wenn wir ihn genau beobachten und kennen.

Und wir können so auch eine unnötige Beißerei zwischen 2 Hunden vermeiden. Jedoch reagieren längst nicht alle Hunde auf bestimmte Vorgänge in gleicher Art und Weise, es gibt große individuelle Unterschiede. Nicht nur beim Menschen gibt es Feiglinge und Draufgänger. Ein rangniederer Hund wird seine Rute stets tiefer tragen als ein Kopfhund.

Die Rutenstellung im Wolfsrudel

Gut sieht man dies, wenn man über längere Zeit ein Wolfsrudel in einem großen Gehege beobachtet. Schon bald erkennt man allein an der Rutenstellung Leitwolf und -wölfin. Begegnen sie einem rang-niederen Stück, fordern sie zum „Grüßen“ auf, indem sie den Kopf leicht anheben, die Gehöre aufstellen und die Rute heben.

Das rangniedere Tier grüßt natürlich nicht wie der Soldat durch Anlegen der rechten Hand an die Kopfbedeckung, vielmehr wird der Kopf gesenkt, meist leicht nach innen gedreht, die Rute geht nach unten. Diese Gesten wiederholen sich, so oft sie sich auch täglich begegnen. Vergisst das rangniedere Stück einmal diese Unterwerfungshaltung, richtet der Boss die Rückenhaare auf, zeigt die Lefzen, und die Rute geht in die höchste Stellung.

Erfolgt auch jetzt nicht die angeforderte Unterwerfung, ertönt als letzte Warnung ein vernehmbares Knurren. Ein kräftiger Adrenalinausstoß sorgt für die nötige Aggressionsstimmung. Zur Beschwichtigung ist nun eine totale Demutshaltung nötig. Das unterlegene Stück legt sich auf die Seite und bietet seine Kehle dar. Die Rute ist zwischen die Läufe geklemmt, oft peitscht sie den Boden. Andernfalls kommt es zu einer heftigen Beißerei, ein unnötiger und somit vermeidbarer Vorgang im Rudel.

Vor dem Angriff wird die Rute abgesenkt. Ähnliches beobachtet man beim Fressen, natürlich haben Alphatiere den Vorrang. Was uns Menschen grausam erscheint, ist biologisch sinnvoll. Verhungert ein geschwächter Jungwolf, ist dies für das Rudel ohne Belang.

Er fletscht die Zähne und hat die Lunte eingeklemmt – aus Angst, dass ihm die Beute genommen wird (Foto: Jens Krüger)

Der Verlust eines erfahrenen Leitwolfs würde das ganze Rudel in eine Existenzkrise bringen. Allgemein ist bei der Fraßaufnahme, wie man es auch beim Hund beobachtet, die Rute stark abgesenkt. Nähert sich jedoch ein rangniederes Stück, wird die Rute sofort angehoben. Sie signalisiert „Achtung, störe mich nicht beim Fressen“.

Befolgt das Stück diese Warnung nicht, läuft es wie oben geschildert ab.

Alle genannten Vorgänge spielen sich bei Hunden in ähnlicher Form ab, nur leben sie meist eben nicht mehr unter Artgenossen im Rudel. Treffen unbekannte Hunde aufeinander, ist es angebracht, die Rutenstellung zu beachten, wenn der Rüdemann unnötige Beißereien vermeiden will.

Das Vorrecht des Leitwolfes beim Fraß macht man sich ja auch in der Erziehung zunutze, indem man gerade dem Junghund häufiger die Schüssel wegnimmt. So festigt der Jäger die Rangordnung. Den Vorgang hat der Zögling ohne jegliche Unmutsäußerung zu dulden.

Das Wedeln mit der Rute ist Ausdruck …

Das Wedeln der Rute als Ausdruck der Freude ist jedem geläufig. Im Unterschied zur Katze, bei der das Peitschen der Rute höchste Erregung signalisiert. Das Wedeln der Rute dient aber auch der Beschwichtigung bei Begegnung mit fremden Hunden oder Menschen.

Retriever sind als gutmütige Hunde bekannt, bei ihnen kann man das sehr schön beobachten.

Der Vorstehhund verbellt die Sau mit hocherhobener Rute. Dies macht der Vierbeiner, um seine Dominanz auszudrücken (Foto: Uta Schumann)

Deshalb sind sie auch selten in Beißereien verwickelt, zumindest beginnen sie selten mit der Aggression. Leichtes Wedeln kann aber auch Unsicherheit verraten. Dies sieht man häufig bei Hunden, die sich in fremder Umgebung oder in unbekannter Situation befinden.

Hunde ziehen dabei die Rute ein, selbstbewusste wedeln leicht in halbhoher Stellung. Wedeln ist auch ein Ausdruck der Beschwichtigung, wenn der Hund zum Führer zurückkehrt: Hat er einen Fehler gemacht, war ungehorsam oder erwartet Strafe, erlebt man ein verlegenes Wedeln.

Eine zwischen die Hinterläufe geklemmte Rute verrät immer tiefe Unsicherheit. Das erlebt man zum Beispiel, wenn sich ein Hund verlaufen hat und in wildfremder Umgebung herumirrt. Auch dieses ein Erbe des Urahns: Gerät ein Wolf in das Territorium eines fremden Rudels, hat er Schlimmes zu erwarten. Zieht ein Weidgenosse seinen Hund auf der Jagd mit eingeklemmter Rute hinter sich her, kann der Rüdemann sich so seine Gedanken über die pädagogischen Fähigkeiten dieses Herrchens machen.

Besonders ausgeprägt sind sie sicher nicht, der Hund kann einem nur Leid tun. Die Rute muss fröhlich wedeln, wenn es auf die Jagd geht. Beim Vorstehen kann man allein an ihrer Stellung bei vielen Hunden ablesen, was er gerade in der feinen Nase hat und auf des Jägers Kommando gleich vor die Mündung bringen wird.

Ob Wundfährte des Hasen oder Federwildschleppe, am leichten Wedeln erkennt man gut, ob er wirklich darauf arbeitet bzw. sie wiedergefunden hat.

Ist die Rute Steuerelement?

Immer wieder wird die Rute als Steuerelement in der Literatur hervorgehoben. Ich habe da meine Zweifel, zumindest kann sie nicht wie das Seitenleitwerk beim Flugzeug dienen. Dazu ist die Laufgeschwindigkeit des Hundes viel zu gering, und die Angriffsfläche für den Fahrtwind reicht sicher auch nicht. Wenn dem so wäre, müsste ein Langhaarweimaraner seinem kurzhaarigen, kupierten Kollegen in der Wendigkeit weit überlegen sein.

Ich habe nie beobachtet, dass Deutsch-Langhaar oder Großer Münsterländer gegenüber ihren Vettern Deutsch Kurz- oder Drahthaar hier entscheidende Pluspunkte sammeln konnten. Etwas anderes ist es beim Fuchs mit seiner buschigen Standarte und seinem wesentlich geringeren Körpergewicht.

Bei allen praktischen Gesichtspunkten ist eines zudem wichtig:Wir sollten die Ästhetik nicht vergessen, wenn die Fahnenrute eines Langhaarigen im Winde weht, die kräftige Rute des Pointers beim Vorstehen vor Erregung mzittert oder eine Stummelrute des Terriers vor uns voller Jagdpassion freudig wedelt.

Von Hubertus Schröder

Stellung der Rute und Art des Wedelns

  • Rute locker, waagerecht: gespannte Erwartungshaltung „Achtung“
  • Wie vorher, jedoch starr, zitternd: beginnende Aggression
  • Rute angehoben, Haare nicht gesträubt: Ausdruck von Ruhe und
    Sicherheit
  • Rute ganz aufrecht: Ausdruck von Selbstbewusstsein und Dominanz
  • Rute leicht gesenkt, leichtes Wedeln: entspannt, alles okay
  • Rute nahe den Hinterläufen: bei gestreckten Hinterläufen Schmerzen, Krankheit, bei eingeknickten Hinterläufen Unsicherheit, Angst
  • Rute zwischen den Hinterläufen: Demutsgeste oder große Angst
  • Gesträubte Haare auf ganzer Rutenlänge: Dominanz oder Kampfbereitschaft
  • Haare nur an der Rutenspitze gesträubt: Angst, Verzagtheit
  • Peitschen der Rute: starke Anspannung
  • Leichtes Wedeln mit kurzem Ausschlag: freundliche Begrüßung
  • Breites Wedeln: „Ich bin friedlich“
  • Breites Wedeln bis zu den Hüften: Respekt, Unterwürfigkeit
  • Langsames Wedeln, Rute gesenkt: Unsicherheit
  • Individuelle Unterschiede sind möglich, bei kupierten Hunden auch oft
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