Alpenwild

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Die Alpen sind Deutschlands einzigartigster und vielleicht faszinierendster Lebsraum. Die Jäger kennen Steinbock, Gams und Murmeltier; und noch weitere Wildarten besiedeln den Lebensraum zwischen Fels, Eis und Schnee.

Von Hans Joachim Steinbach

Steinwald
Das prächtigste Wild der Berge ist das Steinwild. Die Bestände haben sich durch Wiedereinbürgerung erholt, aber der Massentourismus bedroht den Lebensraum.

Die Alpen sind Deutschlands größtes und höchstes Gebirge, eine zauberhafte Landschaft. Längst hat der Massentourismus selbst die entferntesten Winkel dieser bizarren Landschaft erschlossen.

Dieser Gebirgszug ist aber auch Lebensraum für viele Wildarten: Arten, die ausschließlich im Hochgebirge vorkommen wie Gams, Steinwild oder Murmeltier, Alpenschneehuhn und Schneehase sowie Steinadler. Aber auch Arten, die wir im übrigen Deutschland finden, scheuen die hohen Berge nicht, wie das Rot-, Muffel- oder Rehwild, Fuchs oder Wildkatze.

Andere Wildarten konnten sich selbst in den Alpen keinen Rückzugsraum erhalten und wurden auch dort vom Menschen ausgerottet, wie Braunbär, Luchs und Wolf.

Vielgestaltig ist der Lebensraum in den Alpen. Ob Fels, Eis und Schnee, ob grüne Matten, stille Wälder, fließende Geröllhalden, wilde, vegetationsleere Hochkare oder sturmgepeitschte Felsgrate, überall kommt auch das Wild des Hochgebirges vor, hat sich perfekt an die extrem lebensfeindlich scheinenden Bedingungen angepaßt.

Das Leben der Wildtiere in den Alpen, besonders in großen Höhen, vollzieht sich in einer ungünstigen Umgebung unter ständigen Bedrohungen, Gefahren und Störungen. Die Umwelt in den Alpen ist gekennzeichnet von scharfen Temperaturgegensätzen, schneidendem Wind und Sturm, reißenden Wasserfluten, extremen Trockenheit, hohen, monatelanger Schneelagen, tückischen Eisfeldern und immer dünnerer Luft, je höher man hinaufsteigt.

Viel kürzer ist der Bergsommer und das Nahrungsangebot zur Aufzucht der Nachkommen, lange entbehrungsreiche Winter müssen regelrecht überstanden werden. Anpassung wird deshalb in dieser Region besonders augenfällig und entscheidend für das Überleben.

Durch Massentourismus wird der Lebensraum der Wildtiere immer mehr eingeschränkt, teilweise sogar zerstört.

Der Kälte trotzen

Die Kälte ist ein entscheidender Umweltfaktor, entsprechend sind die Anpassungen, die das Wild der Berge vor der Wirkung der extrem niedrigen Temperaturen bewahren soll. Bergwild bildet deshalb ein dickes Haar- und Federkleid aus. Die Luft zwischen den Federn und Haaren isoliert zusätzlich. Schon im Herbst wechseln Bergtiere ihr Haar- und Federkleid. Einige Vertreter des Bergwildes wechseln dabei auch die Farbe, so tragen Schneehuhn und Schneehase im Winter ein weißes Kleid. Die weiße Farbe wird im Schnee zu einem wirksamen Schutzfaktor gegen Feinde.

Der Alpenwinter zwingt die Tiere zu manch anderer Verhaltensweise. Murmeltiere stellen ihre aktive Lebensweise ein und halten einen Winterschlaf, während dessen alle Körperfunktionen erheblich reduziert sind. Es erfolgt keine Nahrungsaufnahme, der Stoffumsatz geht auf Kosten der im Körper angespeicherten Reservestoffe. Während die Murmeltiere im Sommer unterhalb der Schneegrenze in einer Höhenlage von 2.300 bis 2.800 Meter leben (Sommerbaue), ziehen sie wenn der Winter naht 200 bis 500 Meter tiefer, in ihre Winterbaue um.

Artenreiche Wildbahn

Ausgestorben oder ausgerottet wurden in den Alpen Braunbär, Elch, Wisent, Wolf oder Auerochse. Auch Wildkatze und Luchs gelten für die meisten Gegenden der Alpen als ausgestorben. Schwarzwild, was bis in eine Höhenlage von 1.800 Meter vorkam, ist heute im eigentlichen Gebirgsraum eher selten, allerdings zeigen die Bestände gebietsweise steigende Tendenz.

Auch das für die Hochgebirgslagen der Alpen typische Steinwild ist selten und gebietsweise in seinem Bestand bedroht. Dieses prächtige Hochwild der höchsten Berge, steilsten Grate und tiefsten Abgründe bewohnte noch im Mittelalter das gesamte Alpengebiet. Nur im italienischen Gran Paradiso überlebten bis Mitte des letzten Jahrhunderts etwa 60 Stück Steinwild. Durch strengen Schutz konnte das herrliche Wild vor der Ausrottung bewahrt werden, und es wurde zur Quelle für weitere Neuansiedlungen, so daß Steinwild heute auch wieder in Deutschland heimisch ist und der Gesamtbestand in den Alpenländern wieder zirka 4.000 Stück beträgt.

Nach dem geltenden Jagdrecht hat Steinwild in Deutschland eine ganzjährige Schonzeit, wie auch viele andere in den Alpen vorkommenden Wildarten, wie Murmeltier, Schneehase, Luchs, Wildkatze, Fischotter, Kolkrabe, Wanderfalke, Steinadler, Alpenschneehuhn, Haselhuhn, Birk- und Auerwild.

Das für die Alpen typischste Jagdwild ist das Gamswild. Die Gemse ist ein echtes Hochgebirgstier, ein Bewohner des oberen Hochwaldes und der Latschenregion und der alpinen Matten, ein Hornträger. Im Sommer gehen die Gemsen bis an die Schneegrenze. Ihr Hauptvorkommen liegt zwischen 1 500 bis 3 000 Meter Seehöhe.

Beide Geschlechter tragen ein Gehörn, das Gamskrickel oder die Gamskrucken. Diese sind beim Gamsbock an der Basis stärker und stärker „gehakelt“. Gemsen leben in Rudeln, wobei man Muttertiere mit Kitzen und jungen Böcken als Scharwild bezeichnet. Ältere Böcke stellen sich meist nur in der Brunft zu den Geißen. Gemsen sind tagaktiv.

Die Brunft dauert von Ende Oktober, mit Höhepunkt Ende November, bis Ende Dezember. Die älteren Böcke bilden mit den weiblichen Stücken Brunftrudel und verteidigen diese gegen Rivalen. Bei einer Tragzeit von 25 bis 27 Wochen werden ein bis drei Kitze gesetzt. Gemsen werden mit zwei bis vier Jahren geschlechtsreif und zirka 18 bis 25 Jahre alt.

Gamswild bejagt man hauptsächlich auf Pirsch und Ansitz. Sowohl das Ansprechen, wie auch das Schießen muß sehr oft auf große Entfernungen beherrscht werden und verlangt viel Erfahrung. Der ungeübte Bergjäger braucht dazu immer einen versierten Jagdführer. Die Alpengemse zählt heute über 300.000 Stück, so daß die Bestände als gesichert anzusehen sind.

Das Rotwild in den Alpen unterliegt wegen der Winterunbilden einiger Besonderheiten. Das Wild muß nach der Brunft bis ins Frühjahr hinein gefüttert werden, weil die natürlichen, äsungsreichen Wintereinstände in den Tallagen meist vollständig vom Menschen genutzt werden und verbaut sind. Das Rehwild hat sich gut an das Leben im Bergwald angepaßt. In sehr schneereichen Wintern kann es zu hohen Verlusten kommen.

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Gamsgeiß
Eine führende Gamsgeiß bezeichnet man auch als „Kitzgeiß“.
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