Die zweite Garde

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Am Weltmarkt werden jährlich rund acht Millionen Ferngläser verkauft. Jäger kennen oftmals nur die Spitze des Eisbergs – nämlich Ferngläser höchster Qualität. Die DJZ hat deshalb sieben Zweitgläser mit Preisen zwischen 139 und 1059 Mark auf ihre jagdliche Tauglichkeit getestet.

Von Roland Zeitler

Ferngläser

Jäger in Mitteleuropa benutzen heute meist Ferngläser mit optischen Werten zwischen 7×50 und 10×56. Die Ferngläser im höchsten Preis- und Qualitätsniveau bieten eine brillante Optik, sind robust und dank Innenfokussierung dauerhaft dicht gegenüber Staub und Wasser.

Viele Jäger suchen aber zu ihrer hochwertigen Optik noch ein Zweitglas. Sei es für die Tagesjagd, gelegentliche Reviergänge oder bei Revierarbeiten. Ein Glas also, das getrost tagein tagaus im Auto liegt und bei Bedarf zur Hand ist.

Aus meiner Erfahrung sind auch hier die hochwertigen kompakten Spitzenfabrikate von Leica, Swarovski und Zeiss erste Wahl. Doch viele Jäger schrecken vor dem Kauf wegen des hohen Preises zurück. Die meisten halten deshalb Ausschau nach preiswerteren Alternativen.

Nahezu jeder Hersteller (ausgenommen Leica) bietet mehrere Fernglaslinien an, die sich in Preis und Qualität erheblich unterscheiden. Selbst Zeiss offeriert mit der Diafun-Serie auch Modelle für den Zweitglaskäufer.

Preise von 100 bis 1000 Mark

Aus dem schier unendlichen Angebot wurden sieben Ferngläser ausgewählt (siehe Tabelle). Nimmt man die Gläser ans Auge, so läßt sich schnell feststellen, daß man für wenig Geld häufig schon viel Fernglas bekommt. Es ist heute nicht mehr so, daß eine 200-Mark-Optik automatisch ein milchiges, unscharfes Bild liefert. Das Gegenteil ist oft der Fall.

Die Hersteller sparen heute vor allem bei den Fertigungskosten, indem in Billiglohnländern produziert wird. Nur die Ferngläser von Optolyth und Swarovski scheinen da eine Ausnahme zu machen, denn deren preiswerte Modelle werden in Deutschland beziehungsweise Österreich produziert.

Zeiss fertigt das Diafun in Ungarn. Bei Jenoptik findet man die Aufschrift „Korea“, und auch Bushnell läßt in Fernost fertigen. Das Lichter-Glas stammt aus Japan, und selbst das Steiner scheint aus Fernost zu kommen, denn die sonst übliche Aufschrift „Made in Germany“ fehlt. Zur Herkunft gab die Firma keine Auskunft!

Bauartbedingte Form der Gläser

Die Testgläser unterscheiden sich nicht nur im Preis, sondern auch in der Ausstattung und im Design. Bushnell und Swarovski setzen auf Porroprismensystem, während Zeiss und Lichter Dachkantprismen wählen.

Das Porroprismensystem ermöglicht eine kurze Baulänge, benötigt aber mehr Raum zur Seite. Kennzeichen dieser Ferngläser sind weiter außen liegende Objektive zu weiter innen liegenden Okularen. Durch die großen Objektivabstände wird der räumliche Eindruck gefördert. Porroprismensysteme ergeben ein scharfes, unverzerrtes Bild mit sehr guter Auflösung.

Werden für die Reflexion Dachkantprismen verwendet, kann das Fernglas kompakter und leichter gebaut werden. Es ergibt sich eine mehr gerade Form mit Okular und Objektiv in einer Linie. Am Dachkantprisma muß eine Seite verspiegelt sein. Selbst kleinste Abweichungen vom 90-Grad-Winkel führen zur Minderung der Bildqualität.

Die Dachkantprismen haben ferner den Nachteil, daß die Kante das reflektierte Strahlenbündel in zwei Hälften teilt und eine Phasenverschiebung zwischen seinen beiden Anteilen an der Grenzfläche von Glas und Luft entsteht. Kommen sie wieder zusammen, entstehen Interferenzmuster, die Auflösung und Kontrast mindern. Das Bild kann sogar überstrahlt werden. Nur eine Phasenkorrektur (sog. P-Belag) kann das verhindern. Jedoch weisen bisher nur Spitzenferngläser eine Phasenkorrektur ihrer Dachkantprismensysteme auf. Bei preiswerten Fabrikaten sucht man diese aufwendige Technik vergebens.

Die Modelle und ihre Ausstattung

Das Bushnell Powerview 7×50 ist ein großes, typisches Porroprismenglas in Leichtbauweise. Es wiegt trotz 50er Objektiv nur 750 Gramm (dennoch das schwerste Glas im Test). Mit einer Höhe von 17 Zentimetern geht es aber keineswegs mehr als Kompaktglas durch. Das Gehäuse besteht aus Kunststoff und wurde mit mattschwarzem Gummi armiert. Der Mindestpupillenabstand ist nicht berauschend, reicht aber für eng stehende Augen eines erwachsenen Menschen noch aus.

Am rechten Okular kann ein Dioptrienausgleich vorgenommen werden. Mittels zweier schmaler Kunststoffbrücken wurden die beiden Fernglashälften miteinander verbunden. Anstatt einer Fokussierwalze ist eine leicht gewölbte, mit Mulden versehene Druckplatte vorhanden. Obwohl der Fokussierbereich mit kurzen Schwenks zu jeder Seite abgedeckt wird, konnte die Einrichtung nicht überzeugen. Sie war relativ schwergängig und für die Fingerspitze meines mittellangen Zeigefingers gerade noch erreichbar. Eine exakte Justierung ist dadurch erschwert und zeitraubend.

Das Jenoptik High Eye-point 10×30 weist ein modernes Design auf. Das Fernglas wiegt nur 160 Gramm (das leichteste Glas im Test) und ist mit zwölf Zentimetern lediglich eine Handbreit hoch. Es läßt sich gut in die Hand nehmen, die breite, gerippte Fokussierwalze kann bequem erreicht werden. Sie arbeitet leicht und geschmeidig.

Üblich, der Dioptrienausgleich am rechten Okular. Der Pupillenabstand ließ sich ausreichend justieren. Die Optik ist in einem mattgrünen Kunststoffgehäuse verpackt. Das Gehäuse ist, was Geräusche anbelangt, klopfempfindlicher und etwas lauter als die der Konkurrenzprodukte. Grund dafür ist die Armierung selbst, denn sie besteht aus einem festen, kunststoffähnlichen Überzug. Die beiden Fernglashälften sind über ein durchgehendes Gelenk miteinander verbunden. Ein sehr kompaktes Fernglas mit Innenfokussierung.

Das schlanke Lichter 8×40 setzt auf Dachkantprismen zur Bildumkehr. Das ermöglicht die schlanke Form. Mit 520 Gramm ist es ebenfalls recht leicht, die Bauhöhe beträgt dabei 15 Zentimeter. Das Kunststoffgehäuse trägt eine grüne Gummiarmierung. Am rechten Okular läßt sich ebenfalls bequem der Dioptrienausgleich vornehmen. Verbunden sind die beiden Fernglashälften mit zwei schmalen Brücken.

Unterhalb der vorderen Brücke sitzt eine griffige, gerippte Fokussierwalze, die sich leicht und geschmeidig dreht. Sie läßt sich gut mit Mittel- oder Zeigefinger erreichen. Vor allem auch dann, wenn man eine Schirmmütze oder einen breitkrempigen Hut trägt.

Das Optolyth Alpin 10×40 hat seine Optik in einem sehr leichten Aluminium-Druckguß-Gehäuse verpackt. Dieses wurde vollkommen mit mattgrauem Gummi armiert. Die geräuschdämpfende und angenehm griffige Armierung ist säurebeständig und verhindert beim Aufstellen laute Geräusche, weil sie um die Objektivtubusse gezogen ist. Die beiden Hälften wurden mit „elastischen“, aber durchaus sehr haltbaren und robusten Stegen verbunden.

Die obenliegende, geriffelte und schmale Fokussierwalze kann bequem bedient werden. Der Gang ist geschmeidig und sehr gleichmäßig. Auch hier sitzt der Dioptrienausgleich am rechten Okular. Mit 585 Gramm ist das Fernglas noch leicht, die Bauhöhe beträgt ebenfalls die schon fast üblichen 15 Zentimeter. Es handelt sich um ein führiges Glas, das gegen Innenbeschlag mit Stickstoff gefüllt wurde.

Steiners Wildlife 8×30 fällt mit 520 Gramm und nur knapp elf Zentimetern Höhe sehr handlich aus. Das aus Makralon bestehende Kunststoffgehäuse wurde mit mattschwarzem Gummi armiert. Er ist dank breiter Rippen äußerst griffig. Die beiden Fernglashälften sind über ein durchgehendes Gelenk miteinander verbunden. Das Glas erwies sich als sehr robust, die speziell gelagerte Optik ist schock- und stoßresistent. Im Gegensatz zu den anderen Gläsern fehlt beim Steiner aber eine Fokussierwalze, weil die Bayreuther auf Einzelokular-Einstellung setzen.

Die Schärfe wird also an jedem Okular einzeln fokussiert. Beim Beobachten sorgt die Augenakkomodation für Schärfe bei unterschiedlichen Entfernungen. Meist wird ein Nachfokussieren bei kurzen Entfernungen (außerhalb der Tiefenschärfe) und/oder bei schwindendem Licht nötig. Auch dieses Fernglas ist gegen Innenbeschlag mit Stickstoff gefüllt.

Das Swarovski Habicht 7×42 bietet das Bild eines traditionellen, klassischen Fernglases – Leichtmetallgehäuse mit Belederung. Die beiden Fernglashälften wurden mit soliden Brücken verbunden. Über der oberen Brücke liegt die schmale, gerippte Fokussierwalze, die geschmeidig läuft und mit dem Zeigefinger gut erreichbar ist. Auch hier sitzt der Dioptrienausgleich am rechten Okular.

Die Belederung gewährt ebenfalls ein warmes Feeling und Rutschsicherheit. Durch die fehlende Armierung an den Objektivtubussen läßt sich das Glas aber nicht gerade leise aufstellen. Mit einem Gewicht von 680 Gramm und 15 Zentimetern Bauhöhe ist es zwar deutlich schwerer, kann aber immer noch als handlich bezeichnet werden. Auch das Habicht ist gegen Innenbeschlag mit Stickstoff gefüllt.

Zeiss bietet mit dem Diafun 8×30 hingegen ein sehr modernes, ja schon futuristisch anmutendes Design. Es ist dabei sehr kompakt und führig. Das Diafun wiegt bei 14 Zentimetern Höhe nur 450 Gramm. Dank seines Dachkantprismensystems ist es ebenfalls sehr schlank. Die beiden Fernglashälften wurden über ein durchgehendes Gelenk miteinander verbunden.

Mit zur Austattung gehört eine Innenfokussierung. Leider fehlt eine Stickstoffüllung. Die gerippte und große Fokussierwalze kann von allen Testgläsern am besten bedient werden und läuft sehr weich. Unter der Fokussierwalze liegt eine weitere Walze für den Dioptrienausgleich. Dieser läßt sich etwas unbequemer vornehmen.

Die Optik wurde in einem stabilen, mattgrauen Kunststoffgehäuse verpackt. Es ist robust und vor allem geräuscharm sowie klopfunempfindlich. Der Gehäuseabschluß wurde unten an den Objektiven mit einer Gummiarmierung versehen, so daß auch das Aufstellen sehr leise vonstatten geht.

Die optischen Qualitäten

Mir kam es bei der optischen Bewertung mehr auf die Praxis an. Sicherlich kann man viele Unterschiede im Labor ermitteln. Doch der dabei entstehende Zahlendschungel verursacht beim Laien wohl mehr Kopfzerbrechen als daß er von praktischem Nutzen ist. Auf einen Vergleich von Werten wie Sehfeld, Pupillenabstand, Nahfokussierung und anderen Größen wurde deshalb bewußt verzichtet, weil die Gläser ohnehin sehr unterschiedliche optische Werte aufweisen.

Die Optik wurde von mir als Brillenträger und zwei weiteren Jägern, die ohne eine Sehhilfe auskommen, in der jagdlichen Praxis beurteilt. Das wohl wichtigste bei einer Beobachtungsoptik ist das Zusammenspiel von Schärfe und Kontrastleistung. Das verhilft zum Erkennen von Details auch bei schwierigen Bildern, wie etwa Wild vor dunklem Waldhintergrund. Ferner sollten Lichtreflexe oder Reflexionen am Bildrand durch Blenden vermieden werden, weil sie die meisten Beobachter stören.

Für den jagdlichen Einsatz ist hohe Farbtreue weniger wichtig. Entscheidend dagegen sind Auflösung, Vermeidung von Streuungen und Reflexionen sowie Verzerrungen. Farbsäume um die Objekte herum sind ebenfalls unschön.

Ein gestochen scharfes Bild mit hoher Randschärfe erbrachte die Optik des Swarovski-Glases. Der Kontrast war sehr gut, das Bild hell, was auf eine gute Vergütung zurückzuführen ist. Ebenfalls sehr scharfe Bilder lieferte das Optolyth. Die Auflösung war hoch und der Kontrast noch gut. Das Glas hatte eine gute bis mittelmäßige Randschärfe.

Die Schärfeleistung vom Zeiss Diafun war hervorragend. Im Mittenbereich sogar etwas besser als beim Swarovski. Der Kontrast fiel sehr gut aus, die Randschärfe aber höchstens noch gut, eher mittelmäßig. So nahm die Schärfe zum Rand hin sehr schnell ab. Auffallend auch die Reflexionen im Randbereich. Sie treten sehr schnell bei nicht ganz genau zentrierten Augenpupillen sowie gewissen Lichteinfallwinkeln auf und machen sich als helle „Halbmonde“ am Bildrand bemerkbar. Das störte beim Beobachten. Dieser Bildfehler war beim Zeiss-Glas stärker ausgebildet als beim Steiner.

Das Steiner Fernglas wartete mit einer sehr guten, mittigen Schärfeleistung auf, die zum Rand hin aber schnell abnahm. Der Kontrast war ebenfalls gut. Geringe Reflexionen am Rand bei bestimmtem Lichteinfall sowie nicht genau zentrierter Augenpupille traten jedoch auf.

Lichters 8×40 hatte nur im eng begrenzten Mittenbereich eine gute Schärfe, die zum Rand hin sehr schnell abnahm. Der Kontrast fiel auch nur mittelmäßig aus.

Das High Eyepoint von Jenoptik aus Korea lieferte ein flaues Bild, bei dem man nur im engen Mittenbereich von ausreichender Schärfe sprechen konnte. Am Rand kam es zu Verzerrungen. Und auch der Kontrast war höchstens mittelmäßig.

Bushnell bot bei geringem Kontrast eine sehr mäßige Schärfe. Sie nahm zum Rand hin deutlich ab. Das Bild war bei geringer Schärfeleistung flau, was auf geringen Kontrast und schlechte Vergütung schließen läßt. Außerdem bildeten sich Ringe im Bild bei bestimmtem Lichteinfall.

Alle Ferngläser haben echte Brillenträgerokulare, so daß auch diesem Personenkreis das volle Sehfeld zur Verfügung steht. Einzig beim Optolyth fiel auf, daß das Bild beim Beobachten mit Brille etwas eingegrenzt wurde.

Der ungeliebte Wassertest

Wichtig für den Jäger ist die Dichtheit eines Glases. Denn was nutzt die beste Optik, wenn man sie wegen Innenbeschlags nicht nutzen kann. Sehr vorteilhaft ist da eine Stickstoffüllung, weil sie eingebaute Feuchtigkeit größtmöglich ausschließt. Dadurch wird Innenbeschlag vermieden, der bei starkem Klimawechsel auftreten kann, etwa wenn man im Winter das warme Auto verläßt.

Die Gläser wurden zu-nächst einer 15minütigen Dauerberieselung mit Wasser unter der Dusche ausgesetzt, und zwar von beiden Seiten. Diesen Spritzwassertest überstanden Jenoptik und Bushnell nicht. Wasser drang ins Fernglasinnere ein. Alle anderen Gläser erwiesen sich als spritzwasserfest.

Um zu sehen, ob solche preiswerten Ferngläser auch dicht sind, wurden sie für fünf Minuten in ein 50 Zentimeter tiefes Wasserbad getaucht. Nur das Steiner und Swarovski hielten diesen Test aus. Bei den Ferngläsern von Lichter, Optolyth und Zeiss drang Wasser ein. Von Jenoptik und Bushnell ganz zu schweigen, die sind nicht mal spritzwasserdicht.

Für ein Zweitglas ist Dichtheit vielleicht nicht unbedingt erforderlich, Spritzwasser sollte es aber schon verkraften. Dauerhaft dicht sind aber nur Ferngläser mit Innenfokussierung. Allerdings können nach Jahren des Gebrauchs bei Ferngläsern natürlich die Dichtungen leiden. Und auch eine Stickstoffüllung kann im Laufe der Zeit entweichen.

Gute Optik hat ihren Preis

Qualität bei Optikprodukten kostet Geld . Egal, ob das Fernglas in Japan, Deutschland oder Österreich gefertigt wird. So können die beiden billigsten Gläser im Test, das Jenoptik und Bushnell, nicht empfohlen werden.

Das Swarovski bot eindeutig die beste Qualität, was sich wiederum im höchsten Preis niederschlug. Dafür hat das Habicht auch Dinge zu bieten wie etwa Dichtigkeit, Achromat für hohe Farbtreue und Doppelexzenterjustierung für Achsparallelität.

Ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis bot das Optolyth Alpin. Bei angemessenem Gewicht liefert es scharfe, helle und kontrastreiche Bilder. Ein wirklich führiges Glas. Exzellente Schärfe und beste Führigkeit (nur 450 g) bot das Zeiss Diafun. Hier trübten öfter auftretende Reflexe am Rand das positive Bild.

Steiners Wildlife Glas erwies sich als robust, dicht und handlich. Bei Tageslicht ermöglicht die Einzelokular-Einstellung bequemes Beobachten, ohne nachfokussieren zu müssen. Den guten Eindruck trübte die nur mittelmäßige Optik mit geringer Randschärfe und teils sichtbaren Bildfehlern. Das Lichter überzeugte in der Bildqualität nicht.Foto: Roland Zeitler


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