DJV-Präsident: „Kein Feldzug gegen Pflanzenfresser“

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Der neue BJV-Präsident Ernst Weidenbusch kritisiert, dass der DJV in der Wald-Wild-Frage im Zuge der Bundesjagdgesetz-Novelle eine schlechte Figur mache, zerstritten sei und sich nicht fürs Wild einsetze. Was sagen Sie dazu, Herr Dr. Böhning?

Im DJV sind 15 Landesverbände organisiert, es gibt sehr unterschiedliche Betroffenheiten. Das Präsidium hat es sich nicht leicht gemacht, die teils gegensätzlichen Voraussetzungen abzuwägen. Meinungsfindung darf aber nicht mit Streiterei verwechselt werden. Wir haben unter anderem in einer Arbeitsgruppe mit Forstvertretern versucht, mögliche Kompromisse in der Wald-Wild-Frage auszuloten. Dies scheiterte an deren Maximalforderungen.

Bereits im Frühjahr 2020 haben wir eine viel beachtete Broschüre zum Forst-Jagd-Konflikt herausgegeben und Lösungsanätze formuliert. In unserer Videoserie #waldbaumitwaidblick kamen knapp ein Dutzend Experten im Sinne des Wildes zu Wort. Und schließlich haben wir Mitte Dezember 2020 gemeinsam mit dem BJV und sechs weiteren Verbänden eine Stellungnahme pro Wild herausgegeben. Das sind nur einige Beispiele für unsere Arbeit.

Wir haben im DJV eine klare Linie:  Es darf keinen Feldzug gegen Pflanzenfresser geben, sie sind Teil der Lebensgemeinschaft Wald und dürfen nicht forstwirtschaftlichen Interessen zum Opfer fallen. Die Wunschliste der Forstvertreter ist lang – auch aus Bayern. Wir konnten einiges auf politischer Ebene schon jetzt verhindern und bleiben dran. Bedauerlicherweise schwappt die Diskussion um Wald vor Wild seit der Zeit von Horst Stern in den 1970er Jahren regelmäßig aus dem Süden in den Rest der Republik.

Wie steht der DJV zum vorliegenden Entwurf des Bundesjagdgesetzes?

Wir lehnen die Novelle nicht in Gänze ab. Kompromisse im Sinne von uns Jägern zu finden, wird nach der Bundestagswahl im Herbst sicherlich nicht einfacher – bei einer möglichen Regierungsbeteiligung von Bündnis 90/Die Grünen schon gar nicht. Die jetzt geplanten Regelungen zu Büchsenmunition, Jägerausbildung und Schießübungsnachweis sind sinnvoll. Bei der geplanten  Abschussregelung haben wir gegenüber dem Referentenentwurf einige Verbesserungen erreicht – vorher gab es einen Mindestabschuss und keine Lebensraumanalyse. Bereits jetzt gibt es in vielen Bundesländern keinen Abschussplan mehr.

Rehe ernähren sich von Planzen. Hier nascht eines am Apfelbaum  Foto: Michael Breuer

Wir haben  im DJV-Präsidium einstimmig entschieden, dass wir mit aller politischer Kraft gegen die geplante generelle Verjüngung ohne Schutzmaßnahmen – also auch bei Pflanzung und Saat –  kämpfen werden. In einem gesunden Mischwald sollte Naturverjüngung ohne Schutz natürlich möglich sein. Waldumbau funktioniert hingegen nicht ohne Schutzmaßnahmen.

Leider gaukelt die Forstseite vor, dass aus Nadelholzmonokulturen von ganz allein Mischwald wird, wenn wir nur mehr Rehe und Hirsche schießen. Ich kann doch im Wald nicht wie bei einem Mietshaus verfahren: erst alle Mieter kündigen und dann grundsanieren, sprich alle Pflanzenfresser eliminieren und dann den Mischwald von morgen säen oder pflanzen. Auf mehr als einem Viertel des deutschen Waldes droht Ungemach weil dort nur anfällige Nadelbäume wachsen. Experten sagen, man müsse dort für Mischwald 5 Milliarden Bäume pflanzen. Sollen diese eine Chance haben, muss umfassend Waldbau betrieben werden.

Schon allein zum Schutz vor Brombeere oder Adlerfarn. Das wird natürlich schwer, weil in den vergangenen 30 Jahren über 60 Prozent des Forstpersonals wegrationalisiert wurde.

Was will der DJV jetzt noch erreichen und vor allem wie?

Bis zur öffentlichen Verbändeanhörung im März und darüber hinaus müssen wir weiter Überzeugungsarbeit bei Politikern leisten. Deshalb rufen wir alle Jäger dazu auf, die gemeinsame Stellungnahme pro Wild zu unterstützen und unsere Videos über soziale Medien zu teilen.

Nehmen Sie Kontakt auf mit Ihrem Vertreter im Bundestag und machen Sie die Misere deutlich. Verjüngung generell ohne Schutzmaßnahmen, wie derzeit im Gesetz geplant, funktioniert nicht. Da haben sich die Forstvertreter verrannt. Ebensowenig gibt es generell zu hohe Wildbestände. Abschusszahlen dürfen sich nicht allein an angeknabberten Bäumchen festmachen, vielmehr muss der Lebensraum bewertet werden: Gibt es beispielsweise Ruhezonen, ausreichend natürliche Äsung und intakte Waldränder? Über 1,5 Milliarden Euro hat der Bund für den Waldumbau bereitgestellt. Aus diesem Topf müssen auch Schutzmaßnahmen und Lebensraumverbesserung fürs Wild finanziert werden. Hier werden wir den Finger in die Wunde legen und Nachbesserungen weiter einfordern.

Wir brauchen mehr wildbiologischen Sachverstand in der Wald-Wild-Diskussion – für einen ganzheitlichen Ansatz. Selbst im wissenschaftlichen Beirat für die Waldstrategie 2050 fehlen ausgewiesene Wildexperten.

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