Prominenter Jäger: Richard Prinz zu Sayn Wittgenstein-Berleburg

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Richard Prinz zu Sayn Wittgenstein-Berleburg ist im Fokus der Öffentlichkeit. Erst kürzlich lief in den 3. Programmen der ARD ein 45-minütiges Portrait rund um Stammsitz, Ländereien und Mitglieder der Adelsfamilie aus dem Siegerland. Aber auch das Hin und Her in Sachen ausgewilderte Wisente bringt den Namen der Wittgensteiner immer wieder in die Medien.

Von Hans-Jörg Nagel

 

Richard Prinz zu Sayn Wittgenstein-Berleburg


Bad Berleburg ist aus der Versenkung aufgetaucht. Überregionale Medien berichten fast wöchentlich. Aber die kleine Stadt im Kreis Siegen-Wittgenstein (Nordrhein-Westfalen) kommt dabei nicht so richtig gut weg: Erst Ende September soll es hier zu Übergriffen von Sicherheitskräften auf Asylanten gekommen sein. Nur kurz zuvor machte der Streit um die „Wisente vom Siegerland“ Schlagzeilen. „Nichts als Ärger“, fasst Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg die Auswilderungsaktion zusammen. Wie wurde diese noch im April vergangenen Jahres gefeiert? Wisente in freier Wildbahn – und das in Deutschland. Ein traumhaftes Naturprojekt …
 
Doch nur wenige Monate später kühlte die Euphorie merklich ab. Denn Wisente sind natürlich Pflanzenfresser und sie zeigten Vorlieben für Baumtriebe. Das wiederum ärgerte einen Waldbesitzer, der den Fall vor das Amtsgericht Schmallenberg brachte. Und dessen Gerichtsdirektor entschied, dass der Verein „Wisentwelt Wittgenstein“ geeignete Maßnahmen treffen müsse, um zu verhindern, dass die ihm gehörende, freilaufende Wisentherde die Waldgrundstücke des Antragsstellers betritt. Im anderen Fall hafte der Verein für die entstandenen Schäden.
 

Stangenmeer im Dachgeschoss

 

Richard Casimir Karl August Robert Konstantin Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg
Alle seine Vorfahren waren der Jagd zugetan.
Die DJZ zu Besuch beim nicht mehr ganz so verärgerten Prinzen. Im wunderschönen Hof seines Schlosses aus dem 13. Jahrhundert empfängt der Hausherr den Besuch. Nach der Begrüßung geht es erstmal auf den Dachboden eines Seitenflügels, und hier stockt dem Gast der Atem: Auf gut und gerne 600 Quadratmeter überall Abwurfstangen vom Rotwild. Größtenteils Passstangen, fast alle von alten, guten Hirschen. In der Knochensammlung bewegt sich was. Es ist Franz-Albrecht Erbprinz zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Spielberg, der gerade in Berleburg zu Gast ist. Zusammen mit dem Sohn des Hausherrn, Gustav, werden die starken Stangen betrachtet, abgewogen, bewertet und zugeordnet. Spannende Hochwildjagd im Dachgeschoss. Dann geht’s in das Büro von Richard zu Sayn-Wittgenstein, vorbei an unzähligen Trophäen in- und ausländischer Wildarten. Ja, Schloss Berleburg ist eine Jägerresidenz – das ist unverkennbar. Der Hausherr selbst seit 1950 Grünrock. Und alle seine Vorfahren waren der Jagd zugetan.
 
 

Auf Häher, Hörnchen und Kreuzotter

 

Die 1. Beute machte der Prinz als 10-Jähriger. „1945 schickte mich meine Mutter zu Verwandten nach Schweden. Dort bekam ich ein Luftgewehr geschenkt. Ich schoss damit kräftig herum, und irgendwann ging ein Eichelhäher zu Boden. Ich war stolz wie Oskar“, erinnert sich der hochaufgeschossene Prinz. Ungewöhnliche Beute wurde nachgelegt. Gern sei er auf Kreuzottern gegangen, die mit Kopfschüssen zur Strecke gebracht wurden. Auch so manches Eichhörnchen habe er mit seiner 1. Waffe erlegt. „Niederwildjagd“ auf schwedisch. Und dann hatte er auch noch einen Sperling erwischt. Der Prinz berichtet: „Der wurde dann in der Küche gerupft und zurechtgemacht. Ich habe geschrien wie am Spieß!“
 
1948 ging es für den Jungen zurück nach Berleburg. Da sein Vater aus dem Krieg nicht zurückgekehrt war, kümmerten sich ein Onkel und Förster um den jagdlichen Werdegang Richards. Er erinnert sich an einen besonderen Tag: „Es war Sommer. Ich pirschte mit dem Förster durchs Revier. In der Tasche hatte ich gerade mal 3 Patronen, die Büchse war geliehen. Da trafen wir auf einen jungen Bock. Ich gab meinen 1. Schuss auf ein Stück Schalenwild ab. Leider war es nur krankgeschossen. Erst mit der 2. Kugel brachte ich den Jährling in meinen Besitz.“
 
 

 

hirsch
Die Jagd auf den Rothirsch wird in Berleburg groß geschrieben: der Prinz mit seinen Berufsjägern
 

Riesenstrecke, harter Schwinger

 

Den Jagdschein machte der erfolgreiche Pferdezüchter 1950. Damit war es rechtens, dass er auf den rund 13.000 Hektar Familienbesitz die Büchse führt. Und das tut er bis heute mit großer Leidenschaft. Bis auf wenige hundert Hektar ist die „Berleburgsche Jagd“ ein reines Waldrevier. „Hier kommen Rotwild, Muffel, Rehwild und Sauen vor. Ab und zu trifft man auch mal auf ein Stück Sikaoder Damwild“, so der Gutsherr.
 
3 Berufsjäger und 2 Förster mit Mannschaft unterstützen die Familie zu Sayn bei der Bewirtschaftung des riesigen Waldgebiets im Siegerland. Der Chef schätzt die jährliche Jagdstrecke auf mehr als 800 Stücke Schalenwild: „Wir erlegen jährlich etwa 150 Stück Rotwild, darunter 8 Ier-Hirsche, 400 Stück Schwarzwild, 140 Rehe und 120 Muffel.“ Eine nicht unbedeutende Einnahmequelle. Mehr gibt’s allerdings für Holz. Rund 80.000 Festmeter Holz werden im „Berleburgischen Wald“ pro Jahr im größten privaten Forstbetrieb Nordrhein-Westfalens geschlagen, allen voran Fichte und Buche.
 
Um dies alles zu koordinieren und nicht den Überblick zu verlieren, überlassen die zu Sayns nichts dem Schicksal. „Mein Sohn Gustav und ich sind jeden Tag im Wald“, betont der Eigenjagdbesitzer. Aber diese tägliche Präsenz im dichten Tann ist nicht immer ungefährlich. Lachend erzählt der ehemalige Kugelstoßer: „Ende der 1990er Jahre haben ich, Gustav und einer der Förster einen Mann im Dickicht gestellt. Wir dachten zunächst an einen Wilderer. Später stellte sich allerdings heraus, dass der Mann nur fotografieren wollte. Egal. Ich sprach ihn hart an, und schon flogen die Fäuste. Unser Gegner war echt gut. Erst mit einem gezielten Hieb auf den Kopf konnte ich ihn ausschalten.“
 
 

 

dachboden
Auf 600 Quadratmeter Dachboden befinden sich Abwurfstangen von heimischen Rothirschen
 

„Hose voll“ bei Büffeljagd

 

Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg
Den Jagdschein machte der Prinz 1950
Die Bejagungsstrategien in seinem Revier hat der 80-Jährige klar festgelegt. „Wir haben 2 große Drückjagden im Jahr und 3–4 kleinere. Nur hierbei werden Sauen und Kahlwild bejagt. Ansonsten hat das Wild Ruhe. Mit Ausnahme der Hirsche: Die erlegen wir auf der Einzeljagd. Ein Schuss ins Rudel ist auch dabei ein absolutes Tabu!“
 
Drückjagden sind für ihn überhaupt die Krone des Weidwerks, wobei er mittlerweile auch hier Hilfe beansprucht: „Ich sehe nicht mehr so gut, und das Hören lässt auch nach. Deshalb nehme ich mir seit einiger Zeit einen Berufsjäger mit auf den Stand. Der kann notfalls auch nachschießen“, bekennt der Weidmann freimütig.
 
Als es gesundheitlich noch etwas besser ging, zog es den Schlossherrn deutlich häufiger als heute zur Jagd ins Ausland. So ging es unter anderem in Schottland auf Grouse, Elche in Schweden und Bären in Alaska. Ordentlich Strecke machte er auch Mitte der 1960er Jahre in Kenia. Dort führte ihn ein Däne mit seinem Schäferhund. „Der ließ den Hund frei suchen. Und der wusste genau, dass er uns auf Büffel zu führen hat“, erinnert sich der Weidmann. 3 Büffel, 1 Eland sowie 1 Warzenschwein erlegte der Deutsche in Afrika und bekennt: „Ich habe mir bei der Büffeljagd vor Angst in die Hosen gemacht!“
 
Nach wie vor jagt der drahtige Prinz gerne auf Fincas in Spanien. Teilweise werden dort 400 Hunde in einem Treiben eingesetzt. Vor noch gar nicht allzulanger Zeit brachte ihm ein solcher Jagdtag 13 Hirsche ein. Und die großen Streckenzahlen toppt er noch: „Auf einer Fasanenjagd in Schweden schossen wir mal mit 12 Mann 1.000 Vögel.“ Spitzenhirsche und davon viele Quantität statt Qualität? Alles andere als das. Unter den vielen Präparaten im Schloss sind unzählige Spitzentrophäen, die den Prinzen an herrliche Jagden und einzigartige Erlebnisse erinnern. Mit berechtigtem Stolz präsentiert er ein Geweih: „Den habe ich in meinem Revier erlegt. Der stärkste Hirsch Deutschlands bis 2005. 12 Jahre, 14 Kilo Geweihgewicht. Der 28-Ender brachte 274,6 Internationale Punkte.“
 
Zum Abschluss geht es noch ins Revier. Ein herrliches Stück Rothaargebirge. Leicht hügelig mit wunderschönen Ecken. Dicht bewaldet und dann wieder weitläufige Freiflächen. Ein Eldorado für Schalenwild aller Art.
 


Steckbrief

 

trophäe abnorm
Abnormer Goldmedaillenbock
Richard Casimir Karl August Robert Konstantin Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg kam am 29. Oktober 1934 in Gießen zur Welt. Er ist der älteste Sohn von Gustav Albrecht und seiner Frau, der schwedischen Gräfin Margareta Fouché d‘Otrante. Richard ist Oberhaupt des Gesamthauses Sayn-Wittgenstein. Der ehemalige Leichtathlet studierte Rechtswissenschaften in Tübingen, ehe er in die Wittgenstein-Berleburgsche Rentenkammer eintrat. Die verwaltet die rund 13.000 Hektar Wald, die zum Schloss Berleburg gehören. Den Jagdschein machte der Prinz 1950. Seit 1968 ist der Pferdefreund und -züchter mit Prinzessin Benedikte von Dänemark verheiratet. Sie haben 3 Kinder.
 
 
 


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